Eine Enzyklopädie für eine Person – poliert von einer KI
Stell dir vor, du magst dein Wikipedia-Profil nicht. Die Quellen zeigen Widersprüche, Kritiker kommen zu Wort, Skandale sind dokumentiert. Kein Problem, wenn du Milliardär bist: Du baust einfach deine eigene Enzyklopädie.
Willkommen bei Grokipedia.com – einem Projekt, das Wikipedia kopiert, kritische Passagen herauswirft und das Ergebnis als Wissensquelle vermarktet. Klingt nach neutralem Nachschlagewerk, ist aber PR mit KI-Finish.
Was Grokipedia ist – und was es nicht ist
Der Unterschied zu Wikipedia lässt sich an einem einzigen Beispiel illustrieren. Elon Musk auf Wikipedia: genial und umstritten – mit Quellen, Kritik, politischen Kontroversen, Skandalen. Auf Grokipedia: einfach nur genial. Punkt. Kein Streit, keine Kontroverse, kein Chaos. Ein perfekt polierter Tech-Messias.
Das ist kein Fehler im System – das ist das System. Grokipedia zeigt nicht, was ist, sondern wie jemand gesehen werden will. Das ist keine Enzyklopädie, das ist ein Imageprojekt mit Lexikon-Ästhetik. Und ja: Es ist eine .com-Domain. Nicht .org wie Wikipedia. Dieses kleine Detail sagt eigentlich alles.
Der Nachhaltigkeits-Witz – ernst genommen
Jetzt kommt der Teil, der mich gleichzeitig amüsiert und nachdenklich macht. Grokipedia hat – Stand Oktober 2025 – tatsächlich zwei technische Vorteile gegenüber Wikipedia:
Erstens läuft es standardmäßig im Dark Mode. Auf OLED-Displays spart das messbar Energie – etwas, das Wikipedia bis heute nicht schafft. Zweitens hat es (noch) keine Bilder. Keine Bilder bedeutet weniger Datenvolumen, weniger Serveranfragen, weniger CO₂.
Das ist der groteske Kern: Ein Projekt, das inhaltlich das Gegenteil von Transparenz verkörpert, ist zufällig in zwei technischen Punkten nachhaltiger als das Original. Das zeigt, wie vollständig entkoppelt technische Effizienz und inhaltliche Integrität sein können.
Was das für uns bedeutet
Grokipedia ist ein Symptom. Wer mit genug Geld und einer KI ausgestattet ist, kann Informationsräume formen – und das Ergebnis als neutral verkleiden. Das Gefährliche ist nicht die offensichtliche Werbung, sondern die Imitation von Seriosität.
Wikipedia ist nicht perfekt. Aber es hat ein offenes Redaktionssystem, Belege, Diskussionsseiten und Community-Kontrolle. Das ist der strukturelle Unterschied zwischen Wissen und Propaganda mit Enzyklopädie-Design.
Mein Tipp: Wenn du Quellen verlinkst – auf deiner Website, in Artikeln, in Präsentationen – prüf kurz, ob hinter dem Lexikon-Look auch ein offenes Redaktionsprinzip steht. Wer Grokipedia als neutrale Quelle behandelt, verstärkt genau das Problem.
Dieser Artikel basiert auf meinem LinkedIn-Post vom 29. Oktober 2025.
