Zirkuläres IT: 33 Tipps – aber zwei der wichtigsten fehlen

TCO Certified hat einen lesenswerten Artikel mit 33 praktischen Tipps für zirkuläres IT-Management veröffentlicht. Längere Nutzungsdauer, Reparierbarkeit, Refurbishment, Take-Back-Programme, Batteriepflege, kreislauforientierte Beschaffungsrichtlinien – alles richtig, alles wichtig.

Und trotzdem fehlen zwei Dimensionen, die mindestens genauso wirksam sind. Keine einzige der 33 Empfehlungen erwähnt Datensparsamkeit. Keine erwähnt schlanke, effiziente Software als Voraussetzung dafür, dass ältere Geräte überhaupt länger genutzt werden können.

Das ist eine Lücke, die ich schließen möchte.

Tipp 34: Datensparsamkeit als Ressourcenschutz

Jedes Byte, das übertragen, verarbeitet und gespeichert wird, braucht Energie. Das gilt für Rechenzentren genauso wie für Endgeräte. Ein Smartphone, das stündlich Hintergrund-Synchronisationen durchführt, Apps aktualisiert die niemand öffnet, Push-Benachrichtigungen von dreißig Diensten empfängt und Fotos automatisch in die Cloud hochlädt – dieses Gerät verbraucht mehr Akku, benötigt mehr Prozessorleistung und wird früher als „zu langsam" wahrgenommen als ein Gerät, das nur das tut, was sein Nutzer bewusst angefordert hat.

Datensparsamkeit ist kein Datenschutzthema allein. Sie ist ein direkter Hebel auf die Hardware-Nutzungsdauer.

TCO Certified empfiehlt in Tipp 8, IT-Produkte länger zu nutzen – es sei eine der wirksamsten Methoden, den Klimaeinfluss zu reduzieren, natürliche Ressourcen zu schonen und Elektroschrott zu minimieren. Das stimmt. Aber die Anleitung, wie man Geräte überhaupt länger nutzen kann, fehlt auf der Softwareseite fast vollständig.

Was Datensparsamkeit konkret bedeutet:

  • Automatische Downloads in Messenger-Apps deaktivieren
  • Hintergrund-App-Aktualisierungen auf notwendige Dienste begrenzen
  • Push-Benachrichtigungen auf echte Handlungsbedarfe reduzieren
  • Cloud-Synchronisationen gezielt steuern statt alles automatisch
  • KI-Funktionen in Apps und Betriebssystemen deaktivieren, die niemand aktiv nutzt

Jede dieser Maßnahmen entlastet das Gerät, verlängert die Akkulaufzeit und reduziert den wahrgenommenen Leistungsverlust älterer Hardware.

Tipp
Der tatsächliche Datenhunger eines Geräts lässt sich messen: iOS zeigt unter Einstellungen → Datenschutz → Analyse & Verbesserungen die App-Aktivität. Android listet unter Einstellungen → Apps den Hintergrund-Datenverbrauch pro App. Wer dort einmal schaut, erkennt sofort, welche Apps die meisten Ressourcen für keinen erkennbaren Mehrwert verbrauchen.

Tipp 35: Schlanke Software verlängert Hardware-Lebensdauer

Das ist der Zusammenhang, der in der gesamten Kreislaufwirtschafts-Diskussion am häufigsten übersehen wird: Software-Bloat ist einer der Hauptgründe, warum Geräte vorzeitig ausgetauscht werden.

Ein drei Jahre altes Laptop wird nicht weggeworfen, weil die Hardware defekt ist. Es wird weggeworfen, weil das Betriebssystem-Update mehr Arbeitsspeicher braucht als vorhanden, weil das neue Collaboration-Tool auf der alten Hardware ruckelt, weil der Browser mit zwölf geöffneten Tabs einfriert – obwohl die physische Hardware noch jahrelang funktionsfähig wäre.

TCO Certified weist in Tipp 5 darauf hin, dass die Umwelt- und Kostenvorteile eines Upgrades auf ein energieeffizienteres Gerät häufig überschätzt werden und in vielen Fällen durch die negativen Auswirkungen der Herstellung aufgewogen werden. Der Umkehrschluss ist: Wer Software schlanker hält, macht den Kauf neuer Hardware seltener nötig – und das ist der größte Einzelhebel für weniger Elektroschrott.

Was schlanke Software in der Praxis bedeutet:

Für IT-Verantwortliche in Unternehmen:

  • Softwareauswahl nach Ressourceneffizienz als explizitem Kriterium
  • Keine automatische Vollinstallation von Feature-Paketen, die kaum jemand nutzt
  • KI-Assistenzfunktionen in Standardsoftware deaktivieren, wo sie nicht aktiv eingesetzt werden
  • Regelmäßige Inventur: Welche Software läuft auf jedem Gerät – und wird sie genutzt?

Für Website- und App-Entwickler:

  • JavaScript-Bundles schlank halten: Frameworks mit großem Overhead kosten auf älteren Mobilgeräten spürbar Rechenzeit
  • Bilder in modernen Formaten wie WebP und AVIF reduzieren CPU-Last beim Rendern
  • Kein automatisches Nachladen von Inhalten, die niemand angefordert hat
  • Werbe- und Tracking-Skripte sind nicht nur ein Datenschutzproblem – sie sind Prozessorbelastung auf jedem Endgerät jedes Besuchers
Info
Das Green Software Engineering-Framework der Green Software Foundation definiert Hardware-Bewusstsein als eines seiner drei Kernprinzipien: Software, die auf älteren Geräten läuft und diese nicht zur Aufgabe zwingt, ist aktiver Klimaschutz. Nicht weil sie weniger Strom verbraucht, sondern weil sie verhindert, dass Hardware vorzeitig produziert werden muss.

Was die 33 Tipps stark machen – und was sie ergänzen sollte

TCO Certified liefert einen soliden, praxisorientierten Leitfaden, der auf Hardware-Kreislaufwirtschaft fokussiert ist. Das ist richtig und notwendig. Reparierbarkeit, Refurbishment, verlängerte Nutzungsdauer – alles Maßnahmen mit echtem Hebel.

Aber die Kreislaufwirtschaft für IT wird unvollständig bleiben, solange die Softwareseite fehlt. Denn ein Gerät, das durch schlanke Software fünf statt drei Jahre genutzt werden kann, spart mehr Emissionen als das beste Refurbishment-Programm.

Die vollständige Liste von TCO Certified gibt es hier: tcocertified.com