2012 wurden in Deutschland 59,8 Milliarden SMS verschickt. 2025 waren es noch 2,9 Milliarden. Die Anzahl hat sich binnen eines Jahres fast halbiert – und gegenüber dem Spitzenjahr ist es ein Rückgang um 95 Prozent.
Das klingt nach einer Meldung über eine sterbende Technologie. Aber es ist mehr als das.
Was die SMS nachhaltig gemacht hat – ohne es zu wollen
Eine SMS ist technisch gesehen ein winziges Datenpaket: maximal 160 Zeichen, übertragen über den Signalisierungskanal des Mobilfunknetzes, ohne Bilder, ohne Videos, ohne externe Server, ohne Tracking. Wer eine SMS schickte, schickte Text. Mehr war nicht möglich.
Das war keine bewusste Designentscheidung für Datensparsamkeit. Es war eine technische Einschränkung aus den 1980ern, die niemand als Nachhaltigkeitsmerkmal bezeichnet hätte. Und trotzdem war sie genau das: erzwungene Kürze, erzwungener Verzicht auf Medien, kein Overhead durch Unternehmensinfrastruktur.
Eine reine Textnachricht über WhatsApp verbraucht pro Nachricht ähnlich viel Energie wie eine SMS – das Protokoll macht den energetischen Unterschied nicht. Was den Unterschied macht, ist das, was WhatsApp ermöglicht und was SMS nicht konnte.
Keine Grenzen, anderes Verhalten
WhatsApp entfernte alle Beschränkungen. Kein Zeichenlimit. Bilder, Videos, Sprachnachrichten, Dokumente, GIFs, Standortdaten, Gruppenchats ohne Mitgliederlimit. Was vorher eine knappe Textnachricht war, wurde zur Sprachnachricht von drei Minuten. Was vorher ein Satz war, wurde zum Screenshot, zum Foto, zum kurzen Clip.
Das ist kein Vorwurf an WhatsApp. Es ist eine Beobachtung über das Verhalten, das ein Medium ermöglicht und damit formt. Marshall McLuhan hatte recht: Das Medium ist die Botschaft. SMS erzwang Kürze. Messenger ermöglichen Ausführlichkeit. Menschen nutzen, was möglich ist.
Das Flatrate-Problem, wieder
SMS kostete früher Geld – pro Nachricht, in manchen Tarifen sogar pro angefangene Einheit. Das moderierte den Verbrauch. Wer für jede Nachricht bezahlte, schrieb kurz und präzise.
Mit der Flatrate änderte sich das Verhalten schlagartig – genau wie bei DSL-Flatrates Anfang der 2000er, genau wie heute bei KI-Token-Flatrates in Unternehmen. Wer nichts extra zahlt, denkt nicht über den Verbrauch nach.
Das Ergebnis: Gruppenverläufe mit hundert Nachrichten pro Tag, von denen die meisten ein Emoji oder ein GIF sind. Sprachnachrichten, die 40 Sekunden dauern und einen Satz enthalten. Videos in voller Auflösung, die automatisch heruntergeladen werden, auch wenn sie niemand angeschaut hat.
Signal und Threema: eine ehrlichere Alternative
Wer einen Messenger nutzen will, der von Design her datensparsamkeit ernster nimmt, hat heute Alternativen. Signal ist Open Source, Ende-zu-Ende-verschlüsselt, ohne Werbung und ohne Meta-Infrastruktur. Threema aus der Schweiz geht noch weiter: keine Telefonnummer erforderlich, minimale Metadaten, europäische Server.
Beide sind keine Wunderlösung gegen Datenmüll in Gruppen – das liegt am Verhalten, nicht am Protokoll. Aber sie sind zumindest keine Datenpumpen für Werbenetzwerke.
Was wirklich verloren geht
Das Ende der SMS ist kein technischer Verlust. SS7, das Protokoll dahinter, ist alt und hat Sicherheitsschwächen. Dass Banken auf modernere Verifizierungsverfahren umsteigen, ist richtig.
Was verloren geht, ist die Kultur der Kürze. Die Gewohnheit, in 160 Zeichen zu denken. Die implizite Frage vor jeder Nachricht: Ist das wichtig genug, um es aufzuschreiben?
Das ist kein Nostalgieartikel. Es ist ein Plädoyer dafür, diese Frage auch mit modernen Messengern zu stellen – bewusst, ohne technischen Zwang.
Die Daten der Bundesnetzagentur zum SMS-Rückgang gibt es bei heise: heise.de
