99 Prozent des globalen Internetverkehrs zwischen den Kontinenten laufen nicht durch Satelliten, sondern durch Glasfaserkabel auf dem Meeresgrund. Das vergessen wir gerne, wenn wir von „der Cloud" reden, als wäre sie irgendwo im Äther. Die aktuelle Drohung des Iran, Transitgebühren für Datenkabel in der Straße von Hormus zu erheben, erinnert uns daran: Das Internet hat eine sehr physische Adresse.
Die Forderung selbst ist für sich genommen wenig realistisch – Experten halten einen solchen Schritt für rechtlich höchst umstritten, die meisten Kabel verlaufen gar nicht im iranischen Hoheitsgebiet. Ich will das hier auch nicht geopolitisch bewerten. Was mich interessiert, ist die Frage dahinter.
Wem gehört eigentlich das Internet?
Google ist an rund 33 verschiedenen Kabelrouten beteiligt – mehr als jeder andere Akteur weltweit. Meta ist Miteigentümer von 16 Seekabeln und baut gerade mit „Waterworth" sein bislang größtes eigenes Projekt für über zehn Milliarden Dollar. Amazon und Microsoft nutzen Kapazitäten in gemeinsamen Konsortiumskabeln.
Das sind keine Telefongesellschaften. Das sind die Plattformen, auf denen Milliarden von uns täglich arbeiten. Dass dieselben Konzerne, die unsere Inhalte hosten und unsere Kommunikation abwickeln, auch die physische Leitung besitzen, ist eine Machtkonzentration, über die wir viel zu selten reden.
Und noch etwas: Wenn ein Kabel reißt – durch Anker, Erdbeben oder Sabotage – sind nicht alle gleich betroffen. Die Kabel durch die Straße von Hormus versorgen vor allem die Golfstaaten. Der Großteil des europäischen Datenverkehrs nach Asien läuft über den Suezkanal und Ägypten. Trotzdem zeigt die Diskussion, wie verwundbar diese Infrastruktur ist.
Cheap Energy, teures Risiko
Gleichzeitig erlebt der Persische Golf gerade einen massiven Boom an KI-Rechenzentren. Die Logik ist einfach: Strom kostet in Saudi-Arabien bei Solaranlagen teils unter einem US-Cent pro Kilowattstunde. Microsoft hat 15 Milliarden Dollar in die Vereinigten Arabischen Emirate investiert, NEOM unterzeichnete ein Fünf-Milliarden-Abkommen für eine KI-Fabrik mit 1,5 Gigawatt Leistung.
Billiger Strom, klingt nachhaltig – ist es aber nur halb. Denn die Kabel, die diese Rechenzentren mit dem Rest der Welt verbinden, laufen durch dieselbe Meerenge, die gerade stärker unter Druck steht als seit Jahrzehnten. Und Wasser, das Rechenzentren zur Kühlung brauchen, ist in Wüstenregionen strukturell knapp. Was auf dem Papier wie ein grüner Standortvorteil aussieht, hat einen echten Resilienz- und Ressourcenfußabdruck.
Was das für deinen Serverstandort bedeutet
In meiner Beratung erlebe ich, dass die Frage nach dem Serverstandort fast immer als reine DSGVO-Frage behandelt wird: EU ja oder nein, Frankfurt oder Dublin. Die Diskussion um Hormus zeigt: Serverstandort ist auch eine Frage der digitalen Resilienz – und der Nachhaltigkeit. Wo liegt deine Website wirklich? Wessen Infrastruktur trägt sie? Läuft sie auf erneuerbarer Energie, und wenn ja: aus welcher Region?
Daten wie Wasser: Was du heute schon sparen kannst
Stell dir vor, jedes Megabyte, das deine Website ausliefert, würde an einem bestimmten Punkt der Route bepreist – wie Wasser aus der Leitung. Klingt absurd? Genau das ist das Modell, das Iran gerade diskutiert. Ob es kommt oder nicht: Es macht deutlich, dass Datensparsamkeit nicht nur ein ökologisches Argument ist, sondern potenziell ein wirtschaftliches.
Eine durchschnittliche Webseite ist heute über drei Megabyte schwer – viermal mehr als noch vor zehn Jahren. Unkomprimierte Bilder, nicht genutztes JavaScript, eingebettete Tracking-Skripte von Drittanbietern: Das alles fließt durch dieselben Kabel, die gerade Gegenstand geopolitischer Drohkulissen sind. Lean Websites sind nicht nur schneller und CO₂-ärmer. Sie wären in einer Welt mit Datentransit-Gebühren auch schlicht günstiger zu betreiben.
Quelle: Iran erwägt Gebühren für Datenkabel in der Straße von Hormus – Euronews, 14. Mai 2026
