80 Prozent der Daten, die Unternehmen speichern, werden nie wieder abgerufen. Aber gespeicherte Daten brauchen Strom – für Server, für Kühlung, rund um die Uhr. Wie ein Licht, das niemand ausschaltet. Und wir wundern uns, warum Anwohner in Maintal und Groß-Gerau irgendwann auf die Barrikaden gehen.
In Maintal hat der Widerstand bundesweit Schlagzeilen gemacht. Erst stoppten Bürgerproteste die Pläne von Edgeconnex – der Hauptkritikpunkt: das geplante Gaskraftwerk zur eigenständigen Stromversorgung. Jetzt versucht AWS es feinfühliger: mit einem öffentlichen „Infomarkt" für seinen geplanten 89.000-Quadratmeter-Campus. Mehr als 70 Menschen kamen an einem drückend heißen Dienstagabend ins Bürgerhaus – Rentnerpaare, junge Familien, Kommunalpolitiker. In Groß-Gerau lehnte die Stadtverordnetenversammlung im Februar ein 2,5-Milliarden-Projekt von Vantage Data Centers ab: 14 Hektar, 160 Megawatt, kaum lokale Wertschöpfung.
Früher Mülldeponie, heute Rechenzentrum
Ich erkenne das Muster. Vor dreißig Jahren war es die Mülldeponie, dann die Kompostieranlage, dann der Mobilfunkmast. Heute das Rechenzentrum. Die Argumente der Gegner haben sich kaum geändert: Lärm, Flächenversiegelung, CO₂-Ausstoß durch Gaskraftwerke, kaum Arbeitsplätze vor Ort, Gewinne fließen ins Ausland. Der Protest ist verständlich und in vielen Punkten berechtigt. Aber er bekämpft das Symptom – nicht die Ursache.
Das Dauerlicht im Keller
Warum brauchen wir immer mehr und immer größere Rechenzentren? Zu einem Teil wegen KI – das stimmt. Große Sprachmodelle verschlingen beim Training enorme Mengen Strom. Aber für die meisten Alltagsaufgaben würden kleine, spezialisierte Modelle reichen. Die wenigsten Unternehmen nutzen das konsequent.
Der weitaus größere Teil des Problems heißt Dark Data. Laut IBM waren bereits 2015 über 80 Prozent aller gespeicherten Daten ungenutzt. Veritas Technologies rechnet vor, dass allein 2020 mehr als die Hälfte der täglich anfallenden Daten nie wieder abgerufen wurde – und dabei 5,8 Millionen Tonnen CO₂ verursachte.
Das ist das Dauerlicht im Keller. Daten, die wir nie löschen, weil Speicher billig geworden ist. E-Mails mit zwölf Anhängen, die seit Jahren niemand geöffnet hat. Backup-Ordner, die sich über Jahrzehnte stapeln. Videos in fünf Auflösungen, von denen vier niemand abruft. Alles vorgehalten, alles gekühlt, alles mit Strom versorgt – rund um die Uhr.
Der Spiegel, den wir nicht mögen
Die Bürger in Maintal und Groß-Gerau protestieren gegen das Symptom. Die Ursache sitzen wir selbst – als Einzelne und als Unternehmen. Jeder, der Daten sammelt und nie löscht. Jeder, der eine KI-Anfrage startet, die eine einfache Websuche beantwortet hätte. Jeder, der 500 ungelesene E-Mails im Posteingang hat und sie nicht anrührt.
Ich sage das ohne erhobenen Zeigefinger – ich kenne das aus meiner eigenen Beratungspraxis. Solange wir Daten wie etwas behandeln, das nichts kostet, werden wir immer mehr Rechenzentren brauchen. Und immer mehr Anwohner werden protestieren – zu Recht.
Quellen: AWS stellt Rechenzentrum-Pläne in Maintal vor – hessenschau.de · Widerstand gegen Rechenzentrum in Deutschland – Golem.de · Groß-Gerau lehnt Rechenzentrum ab – hessenschau.de
