1891 schrieb Leo XIII. „Rerum novarum" – über Arbeiter, Kapital, Ausbeutung und die Frage, wer von technologischem Fortschritt profitiert. Das Dokument gilt als Gründungstext der katholischen Soziallehre. 135 Jahre später, auf den Tag genau, unterzeichnete Leo XIV. „Magnifica Humanitas" – und stellte dieselbe Frage neu: Wer profitiert, wer verliert, wer entscheidet? Nur heißen die Kräfte diesmal nicht Dampfmaschine und Fabrik, sondern KI, Big Tech und Datenmacht.
Ich habe das Dokument gelesen. Ich bin kein Theologe. Aber ich habe mehrmals genickt.
Technologie ist nicht neutral – das hat Folgen
Der Papst schreibt, Technologie „nehme die Züge derer an, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen." Das ist kein theologischer Satz – das ist eine präzise Beschreibung dessen, was wir im Bereich digitaler Nachhaltigkeit jeden Tag beobachten.
Wer entscheidet, welche Rechenzentren gebaut werden? Wessen Energie sie verbrauchen? Wer die Unterseekabel besitzt, durch die das Internet fließt? Technologie ist die Summe dieser Entscheidungen. Wer das ignoriert, kann keine nachhaltigen digitalen Systeme bauen – egal wie grün der Hoster ist.
Die Warnung vor der Effizienzlogik
Leo XIV. warnt vor einer digitalen Logik, die alles „in Daten und Leistung" übersetzt. Ich kenne dieses Muster aus meiner Beratung gut: Unternehmen haben KPIs für Klicks, Conversions und Ladezeiten – aber keinen einzigen Wert für den Energieverbrauch ihrer Website. Was nicht gemessen wird, zählt nicht. Was nicht zählt, wird nicht optimiert.
Das ist die Effizienzfalle, gegen die sich digitale Nachhaltigkeit richtet: Nicht alles, was messbar ist, ist wichtig. Und nicht alles, was wichtig ist, wird gemessen.
Ein unerwarteter Verbündeter
Die Katholische Kirche steht im Verdacht, ausschließlich Vergangenes zu bewahren. Das mag für manche Themen stimmen. In diesem Dokument tut sie das Gegenteil: Sie stellt Gegenwartsdiagnosen, die präziser sind als vieles, was ich in Tech-Publikationen lese.
„Entwaffnen bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht." Das ist kein Rückzug ins Analoge. Das ist ein Gestaltungsanspruch.
Digitale Nachhaltigkeit ist derselbe Anspruch, nur mit anderen Werkzeugen: Bilder komprimieren, Server ressourcenschonend betreiben, Daten löschen, Bot-Traffic kontrollieren. Kleine Handlungen, die zusammen eine Haltung ergeben. Leo XIV. würde das wohl Schöpfungsverantwortung nennen. Ich nenne es gutes Handwerk.
