Weniger online? Big Tech hat andere Pläne

5 Stunden weniger Internetnutzung pro Woche, im Schnitt über alle Deutschen. Die Postbank Digitalstudie 2026 meldet das als gutes Signal: 67,4 statt 71,8 Stunden, vor allem die unter 40-Jährigen ziehen den Stecker – 31 Prozent von ihnen planen, ihre Nutzung weiter einzuschränken.

Ich freue mich kurz darüber. Dann denke ich an den Rebound-Effekt.

Was der Rebound-Effekt bedeutet

In der Energiewirtschaft ist er gut dokumentiert: Wenn Geräte effizienter werden, sinkt der Verbrauch – kurz. Dann kaufen die Leute größere Bildschirme, heizen mehr Räume, fahren mehr Auto. Der Effizienzgewinn wird aufgefressen. Das nennt sich Rebound.

Im Digitalen funktioniert es ähnlich. Mit einem entscheidenden Unterschied: Bei Energie sinken die Kosten passiv. Im Digitalen arbeiten Milliarden Euro und Tausende Ingenieure aktiv daran, dass du mehr Zeit online verbringst.

Big Tech schaut nicht zu

5 Stunden weniger pro Woche – das sind 5 Stunden weniger Aufmerksamkeit, weniger Daten, weniger Werbeumsatz. Kein börsennotiertes Plattformunternehmen nimmt das widerstandslos hin.

Die Antwort kommt bereits: KI-Assistenten, die immer präsenter werden. Notification-Engineering, das ständig verfeinert wird. Neue Oberflächen – Brillen, Fahrzeuginnenräume, Uhren. Algorithmen, die noch präziser auf individuelle Gewohnheiten und Schwächen zielen. Ein Dealer, der seinen Kunden bei der Stange halten will, probiert nicht weniger – er probiert Neues.

Ich sage das nicht, um pauschal zu verteufeln. Ich beschreibe das Geschäftsmodell: Aufmerksamkeit ist die Ware, Wachstum ist das Ziel. 5 Stunden weniger sind für Big Tech eine Herausforderung, keine Niederlage.

Und der Energieverbrauch?

Noch eine unbequeme Wahrheit: Selbst wenn die persönliche Nutzungszeit sinkt, wächst der serverseitige Energieverbrauch weiter. KI-Agenten generieren bereits mehr als die Hälfte des HTML-Traffics im Internet – unabhängig davon, wie lange wir selbst online sind. Rechenzentren laufen rund um die Uhr, ob wir scrollen oder schlafen. Neue Rechenzentren werden gebaut, neue Kabelrouten verlegt, neue Modelle trainiert.

Weniger persönliche Bildschirmzeit ist kein Energiesparprogramm. Solange die Infrastruktur wächst, solange immer mehr Rechenleistung in KI-Modelle fließt, solange Bot-Traffic explodiert – ist der individuelle Rückzug ein kleiner Beitrag gegen einen großen Strom.

Was trotzdem zählt

Die 31 Prozent der unter 40-Jährigen, die ihre Nutzung weiter einschränken wollen, tun etwas Wichtiges: Sie signalisieren, dass Aufmerksamkeit keine unerschöpfliche Ressource ist. Das ist kulturell bedeutsam – auch wenn es den Energieverbrauch allein nicht dreht.

Digitale Nachhaltigkeit braucht beides: individuelle Entscheidungen und systemischen Wandel. Die fünf Stunden weniger sind ein Anfang. Der Rebound kommt trotzdem.

Achtung
Wer die eigene Nutzung bewusst reduzieren will, findet in den Einstellungen unter „Bildschirmzeit" (iOS) oder „Digital Wellbeing" (Android) konkrete Werkzeuge. Das ändert nichts an Big Techs Geschäftsmodell – aber es schützt die eigene Ressource.

Quelle: Postbank Digitalstudie 2026: Internetnutzung sinkt spürbar – t3n