Open Knowledge Format: Wenn Plain Text plötzlich modern ist

Tim Berners-Lee hat 1991 die erste Webseite veröffentlicht. Kein CSS, keine Bilder, keine Schriftarten. Nur Text und Links. Wer sie heute aufruft, sieht noch immer dasselbe – weil plain text das haltbarste Format der Digitalgeschichte ist. Google hat diese Idee jetzt zur Grundlage eines neuen offenen Standards gemacht und sie nennen es Open Knowledge Format.

Was OKF ist – und was es nicht ist

Google hat Anfang Juni das Open Knowledge Format (OKF) vorgestellt. Das Konzept ist radikal unspektakulär: Wissen wird als Verzeichnis von Markdown-Dateien mit YAML-Frontmatter gespeichert. Kein eigenes SDK, keine Datenbank, kein proprietäres Schema. Eine OKF-Sammlung ist ein Ordner mit Textdateien – versionierbar per Git, lesbar in jedem Editor, verarbeitbar von jedem KI-Agenten ohne Übersetzungsschicht.

Das klingt nach einem Schritt zurück. Es ist einer nach vorne.

HTML hätte es auch gekonnt – aber nie getan

Die naheliegende Frage: Hätte HTML nicht dasselbe geleistet? Technisch ja. Praktisch nein – und das ist der entscheidende Unterschied.

HTML lädt ein. Zu Bildern, Stylesheets, Skripten, eingebetteten Videos. Jede dieser Ergänzungen ist im Browser sinnvoll, für einen KI-Agenten aber reines Rauschen. Markdown lädt nicht ein – es ermöglicht nur Text und Struktur. Was nicht da ist, kann nicht laden, nicht tracken und nicht unnötig Rechenleistung beanspruchen.

Für KI-Agenten ist Rauschen teuer: Jedes überflüssige Tag, jedes Attribut, jeder HTML-Boilerplate kostet Tokens – und damit Geld und Energie. Eine saubere Markdown-Datei enthält nur das, was gemeint ist. Das ist Datensparsamkeit in ihrer reinsten Form.

Info
Das Muster ist nicht neu: CLAUDE.md, AGENTS.md, llms.txt – all diese Konventionen folgen demselben Prinzip. OKF formalisiert, was viele Teams längst pragmatisch einsetzen, und macht es interoperabel.

Die Nachhaltigkeitsdimension, die niemand erwähnt

In der Debatte um OKF geht es fast ausschließlich um Interoperabilität und Produktivität. Den ökologischen Aspekt sehe ich nirgends.

Dabei liegt er auf der Hand: Wer Wissen als Plain-Text-Dateien statt als Datenbankeinträge, API-Responses oder proprietäre Exportformate speichert, reduziert den Energiebedarf für Speicherung, Übertragung und Verarbeitung. Kein Rendering, kein Parsing komplexer Strukturen, keine Abhängigkeit von laufenden Diensten. Und wer Agenten mit weniger Token-Rauschen füttert, spart direkt bei den Inferenzkosten – und indirekt beim Stromverbrauch der Rechenzentren dahinter.

Tipp
Wer Hugo, Obsidian oder ähnliche Markdown-basierte Systeme nutzt, ist OKF-kompatibel ohne einen einzigen Handgriff. Die eigene Wissensbasis ist bereits im richtigen Format – sie muss nur konsequent gepflegt werden.

Der eigentliche Verdienst: Konvention statt Komplexität

Das Open Knowledge Format erfindet nichts neu. Es einigt sich auf das Naheliegende – und das ist in der Technologiebranche seltener, als man denkt. Jahrelang wurde Wissen in immer komplexere Systeme gegossen, weil Komplexität nach Fortschritt aussieht. OKF dreht das um.

Ich erlebe in der Beratung regelmäßig, wie Unternehmen riesige Knowledge- Management-Systeme betreiben, deren Inhalte kein KI-System sinnvoll verarbeiten kann. Eine konsequent gepflegte Sammlung von Markdown-Dateien wäre oft mächtiger – und kostet einen Bruchteil der Infrastruktur.

Die erste Webseite der Geschichte funktioniert noch heute. Das sollte uns etwas sagen.

Quellen: Google Cloud Blog · Heise Online