Am 17. Juni ging W Social in die öffentliche Beta. Das schwedische Start-up versteht sich als europäische Antwort auf X: verifizierte Nutzer statt Bot-Armeen, DSGVO-konformes Hosting, kein US-Konzern im Hintergrund. Das klingt nach einem Fortschritt. Ist es auch, aber nicht beim Energieverbrauch. Und genau das wird in der Debatte vollständig übersehen.
Das eigentliche Problem sitzt im Algorithmus, nicht im Serverstandort
Soziale Netzwerke verbrauchen Energie nicht trotz ihrer Nutzung, sondern wegen ihres Geschäftsmodells. Infinite Scroll, Autoplay-Videos, Push- Benachrichtigungen alle zwanzig Minuten, algorithmische Feeds, die Empörung stärker belohnen als Sachlichkeit. All das ist keine technische Notwendigkeit. Es ist eine Designentscheidung, die Aufmerksamkeit maximieren soll. Mehr Aufmerksamkeit bedeutet mehr Werbeeinnahmen. Und mehr Aufmerksamkeit bedeutet mehr Serverlast, mehr Datenübertragung, mehr Stromverbrauch auf der Plattformseite wie auf dem Gerät der Nutzenden.
W Social hat das Problem zumindest teilweise erkannt: Werbung soll frühestens 2028 kommen, vorher kein Targeting-Algorithmus. Das ist strukturell besser. Aber sobald Werbung kommt, setzt der gleiche Anreiz ein wie überall: Wer Werbung verkauft, muss Aufmerksamkeit verkaufen.
“Grünes Hosting” ist oft nur ein Zertifikatskauf
Auch beim Hosting lohnt sich ein zweiter Blick. Viele Rechenzentren werben mit “100 % erneuerbarer Energie” und meinen damit den Kauf von Herkunftsnachweisen oder Zertifikaten. Diese Papiere bescheinigen, dass irgendwo auf der Welt eine entsprechende Menge Ökostrom ins Netz eingespeist wurde. Ob der Server selbst zu dem Zeitpunkt mit echtem Windstrom läuft, ist damit nicht gesagt.
In meiner Beratung erlebe ich, dass dieser Unterschied selbst IT- Verantwortlichen oft nicht bewusst ist. Echter Fortschritt sieht anders aus: Rechenzentren, die physisch an erneuerbare Quellen angebunden sind, die Abwärme nutzen und ihren PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) transparent ausweisen. Ob W Social das tut, ist öffentlich nicht dokumentiert.
Was nachhaltiges Social Media wirklich braucht
Europäischer Serverstandort ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Nachhaltigkeit. Was echte digitale Suffizienz im Social- Media-Kontext bedeuten würde, ist unbequemer: chronologische Feeds statt Engagement-Algorithmen, keine Autoplay-Videos, transparente Energiedaten pro Plattformfunktion, und im besten Fall eine Nutzungsdauer, die dem Wohlbefinden dient statt der Verweildauer.
Ob W Social diesen Weg geht, wird sich zeigen. Der Start ist ambitioniert. Aber ein europäisches soziales Netzwerk, das 2028 auf werbefinanzierte Engagement-Optimierung umschwenkt, hat das Grundproblem nicht gelöst – es hat es nur nach Europa verschoben.
Quelle: Golem.de – W Social startet
