In der Debatte über den Energieverbrauch des Internets reden wir fast ausschließlich über Rechenzentren und Netzinfrastruktur. Das ist richtig – aber unvollständig. Denn eine aktuelle BDEW-Studie zeigt: Fast ein Drittel des gesamten Haushaltsstroms in Deutschland fließt bereits heute in Informations- und Kommunikationselektronik. Fernseher, Computer, Smartphones, Router, smarte Lautsprecher, Spielekonsolen im Standby.
Das ist kein Randphänomen. Das ist die größte einzelne Verbrauchskategorie im Haushalt nach dem Heizen.
Effizienz plus mehr Geräte ergibt: mehr Verbrauch
Die gute Nachricht aus der Studie: Der durchschnittliche Haushaltsstromverbrauch ist gegenüber 2019/20 um knapp 9 Prozent gesunken. Einzelne Geräte sind effizienter geworden – modernere Fernseher, sparsamere Chips.
Die weniger gute Nachricht: Wer im Homeoffice arbeitet, verbraucht mehr. Und der Anteil der ICT am Gesamtverbrauch ist trotz effizienterer Geräte auf fast ein Drittel gewachsen. Das kennen wir aus anderen Bereichen: Die Technik wird besser, wir nutzen sie mehr. Jevons lässt grüßen.
Ich erlebe das in Beratungen regelmäßig: Ein neuer, stromsparender Laptop wird angeschafft – und gleichzeitig läuft der alte als Zweitgerät weiter. Zwei Bildschirme statt einem. Ein Smart-TV, der nie wirklich ausgeht.
Was zuhause wirklich ins Gewicht fällt
Konkrete Hebel, die heute noch funktionieren:
Streaming-Qualität: Der Unterschied zwischen 4K und HD bei einem Abend Netflix beträgt schnell das Dreifache an Datenmenge – und entsprechend mehr Prozessorlast auf dem Endgerät. Wer auf einem 40-Zoll-Bildschirm schaut, sieht den Unterschied nicht. Die Stromrechnung schon.
Router und Netzwerkgeräte: Ein durchschnittlicher Heimrouter läuft 365 Tage im Jahr rund um die Uhr – oft mit 10 bis 15 Watt Dauerverbrauch. Das sind 90 bis 130 kWh im Jahr, nur für das Gerät, das die WLAN-Verbindung bereitstellt.
Standby ist nicht Aus: Spielekonsolen, Smart-TVs und Streaming-Sticks im Standby ziehen kontinuierlich Strom. Zusammen kommen viele Haushalte allein damit auf 50 kWh im Jahr.
Der Zusammenhang, den niemand nennt: Website-Performance und Akkustrom
Hier eine Verbindung, die ich in der Nachhaltigkeitsdebatte noch nie gesehen habe: Wenn eine Website 5 Sekunden lädt statt einer, dreht der Prozessor im Smartphone länger auf hoher Last. Das kostet Akkustrom – und der Akku wird irgendwann mit Haushaltsstrom geladen.
Eine schlanke, schnell ladende Website ist also nicht nur auf der Serverseite nachhaltiger. Sie schont auch das Endgerät der Lesenden. Digitale Nachhaltigkeit endet nicht am Rechenzentrum.
Wo anzusetzen ist
Rechenzentren zu optimieren ist wichtig und richtig. Aber die Haushalte sind keine passive Senke – sie sind ein aktiver Teil des Systems. Fast ein Drittel des Stromverbrauchs liegt in unserer eigenen Hand: wie viele Geräte wir gleichzeitig betreiben, wie lange wir streamen, ob der Router nachts weiterläuft.
Das ist keine Verzichtsempfehlung. Es ist eine Einladung, den eigenen digitalen Fußabdruck dort zu verkleinern, wo er am direktesten beeinflusst werden kann – zuhause.
