Unlimited? Netzkapazität ist endlich, und das ist kein Fehler

„Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit – wobei ich beim Universum noch nicht ganz sicher bin." Einstein hat das klüger formuliert als jede Mobilfunk-Werbekampagne. Denn Netzkapazität ist weder unendlich noch kostenlos. Sie ist eine physikalisch begrenzte, gemeinsam genutzte Ressource und wir tun seit Jahren so, als wäre sie beides.

Was das OVG NRW entschieden hat – und was nicht

Das Oberverwaltungsgericht NRW hat in einem Eilverfahren entschieden, dass ein Mobilfunkanbieter seine Kunden mit sehr hohem Datenvolumen in überlasteten Funkzellen vorläufig nachrangig behandeln darf. Die Bundesnetzagentur hatte diese Praxis verboten. Das OVG hat das Verbot vorerst ausgesetzt – nicht weil die Drosselung eindeutig rechtens ist, sondern weil die Rechtslage nach EU-Recht ungeklärt ist. Der EuGH wird voraussichtlich angerufen. Das kann Jahre dauern.

Was das Urteil nicht ist: eine Entscheidung über Netzneutralität im eigentlichen Sinne. Netzneutralität bedeutet, dass kein Dienst bevorzugt oder benachteiligt werden darf – Netflix darf nicht gedrosselt werden, weil es Netflix ist. Ob ein Nutzer, der monatlich hunderte Gigabyte verbraucht, in einer überlasteten Zelle nachrangig behandelt werden darf, ist eine andere Frage. Sie betrifft die faire Verteilung knapper Ressourcen unter Nutzern, nicht die Diskriminierung von Inhalten.

Diese beiden Dinge werden in der öffentlichen Debatte ständig vermischt.

Die eigentliche Frage stellt niemand

Mich beschäftigt eine andere Frage: Warum gibt es das Konstrukt „unlimited" überhaupt in einer Welt mit endlichen Ressourcen?

Ein Mobilfunknetz ist keine abstrakte Cloud. Es ist physische Infrastruktur – Funkmasten, Frequenzen, Glasfaserleitungen. Eine Funkzelle versorgt alle Geräte in ihrem Radius gleichzeitig. Wer in einer vollen Zelle hunderte Gigabyte streamt, verbraucht Kapazität, die anderen fehlt. Das ist keine Meinung, das ist Physik.

Das Geschäftsmodell „unlimited" funktioniert deshalb nur, weil die meisten Nutzer weit unter dem theoretisch möglichen Verbrauch bleiben. Die Durchschnittsnutzenden subventionieren die Extremnutzer. Das ist kein fairer Tausch – es ist Quersubventionierung, die im Preis versteckt wird.

Achtung
Wer „unlimited" bucht, zahlt für eine Kapazität, die er statistisch nie ausschöpft – und finanziert damit die Nutzung derer, die es tun. Faire Tarife mit transparenten Volumengrenzen könnten für die Mehrheit günstiger sein.

Suffizienz statt Unlimited-Versprechen

Ich sage das nicht als Lobbyist für Mobilfunkanbieter. Ich sage es, weil das Muster bekannt ist: Wir nennen Ressourcen unlimited, solange es wirtschaftlich funktioniert – und wundern uns dann, wenn das System unter Last zusammenbricht oder regulatorische Konflikte entstehen.

Das gilt für Netzkapazität genauso wie für Serverstrom, für Streaming- Qualität oder für KI-Token. Überall dieselbe Logik: Die Kosten der Übernutzung trägt nicht der Einzelne, sondern das System – und damit alle anderen.

Suffizienz bedeutet nicht Verzicht. Es bedeutet, ehrlich zu benennen, was eine Ressource wirklich kostet und wer sie wirklich verbraucht. Ein Tarif mit fairem Volumen und transparenter Drosselung ist nachhaltiger als ein Unlimited-Versprechen, das auf der Quersubventionierung der Mehrheit beruht.

Tipp
Schau in deinen Mobilfunkvertrag: Wie viel Daten verbrauchst du tatsächlich pro Monat? Bei den meisten liegt die Antwort weit unter dem gebuchten Volumen – und damit weit unter dem, wofür du zahlst.

Das OVG-Urteil ist vorläufig. Die eigentliche Entscheidung trifft irgendwann der EuGH. Aber die Frage, die dabei niemand stellt, ist die wichtigste: Sollte es „unlimited" in einem endlichen Netz überhaupt geben – oder wäre Transparenz über echte Kapazitäten fairer für alle?

Quelle: WBS.Legal – OVG NRW bestätigt Beschränkung von Mobilfunk-Flatrates