Googles Umweltbericht 2025: Effizienz ohne Suffizienz

Google hat am 30.06. seinen Umweltbericht für 2025 veröffentlicht. Die Schlagzeilen: 12 Gigawatt neue erneuerbare Energie unterzeichnet – Rekord. Operative Emissionen um 2 Prozent gesenkt – trotz massivem Wachstum. 41 Millionen Tonnen CO₂ durch Produkte wie Nest-Thermostate und Maps-Routing bei Nutzern eingespart – nach eigener Rechnung dreimal so viel, wie Googles gesamter Betrieb selbst verursacht.

Das klingt nach Fortschritt. Und das ist es zum Teil auch. Aber wer den Bericht genau liest, findet einen Satz, der alle Schlagzeilen relativiert: Der Ausbau der KI-Infrastruktur beschleunige sich schneller, als das Stromnetz dekarbonisiere. Google schreibt das selbst. Nur nicht als Überschrift.

Was die Zahlen wirklich zeigen

Strom, Wasserverbrauch und Treibhausgasemissionen sind 2025 bei Google allesamt auf Rekordniveau gestiegen. Das wird im Bericht nicht verschwiegen. Aber es wird eingebettet in so viele positive Meldungen, dass es kaum auffällt.

Das ist kein Zufall. Es ist das Grundmuster des Rebound-Effekts, den ich aus der digitalen Nachhaltigkeit kenne: Effizienz steigt, Verbrauch auch. Mehr Leistung pro Watt, aber gleichzeitig so viel mehr Watts, dass die absolute Bilanz trotzdem schlechter wird.

Jevons lässt auch hier grüßen.

Google ist dabei ehrlicher als die meisten Konzerne. Es gibt keine Behauptung, das Problem sei gelöst. Aber die Struktur des Berichts – Fortschritte groß, Absolutzahlen klein – folgt dem gleichen Muster, das ich in Nachhaltigkeitsberichten aller großen Tech-Unternehmen sehe.

Achtung
Ein Rückgang der Emissionsintensität (weniger CO₂ pro Rechenoperation) ist kein Rückgang der Gesamtemissionen. Wer nur die Intensität kommuniziert, verschleiert den absoluten Trend.

Das methodische Problem mit den “Avoided Emissions”

Besonders kritisch betrachte ich die Rechnung mit den eingesparten Emissionen. Google rechnet sich 41 Millionen Tonnen CO₂-Reduktion an – durch Nest-Thermostate, Maps-Routing, Solarplanung via Earth und andere Produkte. Das sei dreimal die eigenen Emissionen, schreibt Google.

Diese Methode ist in der Nachhaltigkeitsberichterstattung weit verbreitet und weit diskutiert. Das Grundproblem: Was wäre ohne Google passiert? Hätten Nest-Nutzer wirklich signifikant mehr geheizt? Wären Menschen ohne Maps-Routing deutlich ineffizienter gefahren? Diese Gegenhypothesen lassen sich nicht seriös berechnen und sie werden es auch nicht.

Es handelt sich um hypothetische Kausalität: Man rechnet sich die Einsparungen anderer an, solange das eigene Produkt irgendwie beteiligt war. Das ist keine Lüge. Aber es ist auch keine belastbare Bilanz.

Die KI-Lücke in der Transparenz

Was mich als jemand, der sich mit KI-Datenhygiene beschäftigt, besonders stört: Google weist KI- und Nicht-KI-Workloads nicht getrennt aus. Wie viel Strom, wie viel Wasser, wie viel CO₂ entfällt konkret auf Gemini, auf KI-Suche, auf Training neuer Modelle?

Wissenschaftler haben genau das kritisiert. Ohne diese Aufschlüsselung ist es unmöglich, den tatsächlichen Umweltbeitrag von KI zu bewerten. Weder positiv noch negativ. Der Bericht enthält zwar eine Zahl für den CO₂-Ausstoß pro Gemini-Prompt (0,03 Gramm, selbst ermittelt, nicht unabhängig geprüft). Aber die Hochrechnung auf Milliarden täglicher Anfragen fehlt.

Info
Google gibt an, dass der Energieverbrauch pro Gemini-Prompt im vergangenen Jahr um den Faktor 33 gesunken ist. Das ist beeindruckend, ändert aber nichts daran, dass gleichzeitig die Zahl der Prompts um ein Vielfaches gestiegen ist.

Was Google richtig macht – und warum es nicht reicht

Ich will fair sein: Google investiert ernsthafter in saubere Energie als die meisten Konzerne. Die 12 Gigawatt neuer Stromverträge in einem einzigen Jahr sind keine Kleinigkeit. Die Arbeit an der Emissionsintensität zeigt echte technische Fortschritte.

Aber Effizienz ohne Suffizienz löst das Problem nicht. Das gilt für Heimrouter, für Mobilfunk-Flatrates. Und es gilt für Hyperscale-Rechenzentren. Wer bei wachsendem Verbrauch die Emissionsintensität verbessert, bewegt sich in die richtige Richtung auf einem Weg, der insgesamt in die falsche führt.

Die entscheidende Frage stellt der Bericht nicht: Welches Wachstum ist notwendig und welches nicht? Wieviel KI-Infrastruktur braucht die Welt tatsächlich, und wofür?

Das ist keine Frage, die Google allein beantworten kann. Aber es wäre ehrlicher, sie zu stellen.

Quelle: Google 2026 Environmental Report