12.000 Megawattstunden Strom eingespart, 19.000 Tonnen CO₂ vermieden, 1,68 Millionen Euro weniger Betriebskosten – pro Jahr. Das sind keine Versprechen, sondern die messbaren Ergebnisse der Bundesagentur für Arbeit, nachdem sie konsequent Grüne IT eingeführt hat. Diese Zahl steht im neuen Leitfaden des RIFS Potsdam, und sie verdient mehr Aufmerksamkeit als sie bekommt.
Was der Leitfaden sagt
Das Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit der Helmholtz-Gemeinschaft hat im Auftrag des Bundesforschungsministeriums einen Leitfaden zu Grüner IT und Grüner KI veröffentlicht – erarbeitet von 21 Projekten mit rund 120 Partnern aus Wissenschaft und Praxis. Die Zahlen im Hintergrund sind ernüchternd: Der globale Stromverbrauch von Rechenzentren könnte bis 2030 auf 1.389 Terawattstunden steigen – mehr als doppelt so viel wie heute. Der Elektroschrott aus Servern könnte sich auf 800.000 Tonnen vervierfachen.
Der Leitfaden fasst zusammen, was getan werden kann: schlanke digitale Dienste entwickeln, Hardware länger nutzen, Netzwerkverkehr reduzieren, Rechenzentren mit erneuerbarer Energie betreiben. Und – das ist der Satz, der mich am meisten freut – vor dem Einsatz von KI stets deren Notwendigkeit prüfen. Ressourceneffiziente Modelle wählen. KI nur dort einsetzen, wo ein nachvollziehbarer Nutzen besteht.
Bekannte Prinzipien, neuer Kontext
Ich lese diesen Leitfaden mit einer gewissen Genugtuung – und das sage ich nicht aus Eitelkeit. Was hier unter dem Label Grüne IT und Grüne KI zusammengefasst wird, sind Prinzipien, die ich 2023 in meinem Buch „Nachhaltige Websites" für den Kontext von Webseiten beschrieben habe: schlanke Bilder, ressourcensparender Code, kein unnötiger Datentransfer, Hardware so lange nutzen wie möglich.
Der Unterschied zwischen einer nachhaltigen Website und nachhaltiger IT insgesamt? Derselbe wie zwischen einem energieeffizienten Haus und einer energieeffizienten Stadt. Die Prinzipien sind identisch, der Maßstab ist größer. Wer versteht, warum ein unkomprimiertes Bild auf einer Website Energie verschwendet, versteht auch, warum ein überdimensioniertes KI- Modell für eine einfache Textaufgabe dasselbe tut.
Die entscheidende Lücke: freiwillig statt verpflichtend
Was mich nachdenklich stimmt, ist die politische Empfehlung des Leitfadens: Für Unternehmen werden freiwillige Nachhaltigkeits- managementsysteme empfohlen – EMAS, ISO 14001. Für die Politik wird verpflichtende Transparenz gefordert.
Das ist eine wichtige Unterscheidung, die in der Debatte meist untergeht. Freiwilligkeit funktioniert dort, wo Nachhaltigkeit einen Marktvorteil bringt. Wo sie kurzfristig Kosten verursacht, scheitert sie fast immer. Das zeigt die Geschichte der freiwilligen Selbstverpflichtungen in der Industrie – und sie zeigt es auch in der IT-Branche.
Warum der Zeitpunkt wichtig ist
Dieser Leitfaden erscheint in einer Woche, in der Googles Umweltbericht zeigt, dass Effizienz allein nicht ausreicht – weil gleichzeitig der absolute Verbrauch steigt. Beide Dokumente beschreiben dasselbe Problem aus verschiedenen Richtungen: Wir optimieren fleißig das Einzelne und verlieren das Ganze aus dem Blick.
Die Empfehlung des RIFS-Leitfadens, KI-Einsatz vor der Einführung zu begründen, ist dabei die wichtigste von allen. Nicht weil KI per se schlecht ist – sondern weil sie die erste Technologie in der Geschichte ist, die wir massenhaft einführen, bevor wir verstanden haben, was sie eigentlich tun soll.
Quelle: RIFS Potsdam – Leitfaden Grüne IT und Grüne KI (IDW)
