2,5 Kilobyte reichen – wenn man sich auf das Wesentliche beschränkt

Tim Berners-Lee hat 1991 die erste Website der Geschichte veröffentlicht. Sie ist noch heute erreichbar. Ihr Umfang: rund 3 Kilobyte. Reiner Text, keine Bilder, keine Schriften, keine Skripte. Nur das, was nötig war.

Dave Plummer, ehemaliger Microsoft-Entwickler und Autor des Windows Task-Managers, hat dieser Tage einen Texteditor veröffentlicht: TinyRetroPad. Umfang: 2.476 Byte. Kleiner als Berners-Lees erste Webseite. Und er tut alles, was ein Texteditor tun muss: Öffnen, Speichern, Suchen und Ersetzen, Drucken, Schriftwahl. Kein KI-Assistent. Kein Telemetrie-Rückruf nach Hause. Keine Copilot-Vorschläge beim Schreiben einer Konfigurationsdatei.

Was aus Notepad geworden ist

Das Notepad aus Windows XP war etwa 65 Kilobyte groß. Es tat genau das, wofür es gedacht war. Das Notepad in Windows 11 kommt heute auf rund 5 Megabyte – das Siebzigfache. Es hat Tabs, Autospeicherung, Markdown-Unterstützung und eine Copilot-Anbindung.

Im Februar 2026 wurde bekannt, dass genau diese KI-Integration eine Sicherheitslücke mit sich brachte: Ein manipulierter Markdown-Link konnte Schadcode ausführen, wenn jemand ihn im neuen Notepad öffnete. Ein schlichter Texteditor ohne Link-Verarbeitung hätte dieses Problem schlicht nicht gehabt.

Mehr Funktionen bedeuten mehr Angriffsfläche. Das gilt für Software genauso wie für Websites.

Das Prinzip hinter dem Projekt

Plummer erklärt selbst, warum TinyRetroPad so klein ist: Es bringt nicht seine eigene Infrastruktur mit, sondern nutzt das, was Windows bereits enthält. Ein modernes Windows-Programm schleppt standardmäßig Laufzeitumgebungen, Frameworks und Bibliotheken mit, als würde es eine Expedition in unbekanntes Gebiet ausrüsten. TinyRetroPad kommt, wie Plummer es formuliert, „mit einem Lunchpaket und einem Stadtplan" – weil die Stadt schon gebaut ist.

Ich kenne dieses Muster aus der Website-Optimierung. Eine schlanke Website lädt keine Schriften von Google, keine Analytics von US-Servern, kein Tracking-Pixel von Meta. Sie nutzt, was der Browser bereits mitbringt – und liefert trotzdem alles, was der Besucher braucht.

Achtung
Ehrliche Einschränkung: TinyRetroPad ist ausdrücklich ein experimentelles Projekt, kein Alltagswerkzeug. Die aggressive Komprimierung löst bei manchen Antivirenprogrammen Fehlalarme aus, und Nutzer berichten von RAM-Spitzen bis 500 MB im Betrieb. Das zeigt: Suffizienz auf der Festplatte und Suffizienz im Betrieb sind zweierlei. Der Wert des Projekts liegt im Prinzip, nicht im Werkzeug selbst.

Software-Bloat ist kein Komfortproblem – es ist ein Energieproblem

Was mich an dieser Geschichte beschäftigt, ist nicht die Kuriosität eines 2,5-KB-Editors. Es ist die Frage, die dahintersteckt: Wie viel von dem, was wir täglich an Software starten, an Websites aufrufen, an Diensten nutzen, ist wirklich nötig?

Jede unnötige Funktion in einer App kostet Rechenzeit beim Start. Jedes unnötige Skript auf einer Website kostet Prozessorleistung im Browser des Besuchers. Jede KI-Funktion, die niemand nutzt, aber immer mitgeladen wird, verbraucht Energie – auf dem Server und auf dem Endgerät.

In der Debatte über den Energieverbrauch digitaler Systeme konzentrieren wir uns auf Rechenzentren. Das ist richtig. Aber Software-Bloat ist die unsichtbare Seite derselben Medaille: Millionen von Geräten, die täglich mehr Rechenleistung aufwenden als nötig, weil Software mehr mitbringt als sie braucht.

Tipp
Die Frage, die ich Website-Betreibern empfehle: Schau dir an, was deine Website wirklich lädt. Jedes externe Skript, jede eingebettete Schrift, jedes Tracking-Tool ist Software, die dein Besucher ungefragt mitinstalliert bekommt – auf seinem Gerät, auf seine Kosten. Reicht auch weniger?

Was Plummer eigentlich zeigt

Plummer will mit TinyRetroPad niemanden bekehren. Er stellt eine Frage: Wie viel steckt eigentlich schon in dem, was wir haben – und wie viel schleppen wir trotzdem unnötig mit?

Das ist dieselbe Frage, die Berners-Lees erste Website bis heute stellt, ohne es zu wollen. 3 Kilobyte. Noch immer abrufbar. Noch immer lesbar. Noch immer das, wofür sie gemacht wurde.

Quelle: Golem.de – Winziger Texteditor für Windows benötigt 2,5 Kilobyte