Am 7. Juli 2026 um 20:05 Uhr wurde an den DE-CIX-Internetknoten ein neuer Weltrekord gemessen: 29,517 Terabit pro Sekunde. Ausgelöst durch das WM-Achtelfinale zwischen Argentinien und Ägypten. Allein der Frankfurter Knoten, Europas größter, erreichte 19,636 Terabit pro Sekunde.
In den Meldungen dazu klingt das wie eine Erfolgsmeldung. Ich sehe es anders. Ein neuer Datenrekord bedeutet auch einen neuen Rekord beim Energieverbrauch der Netzwerkinfrastruktur – und beim CO₂-Ausstoß, der damit verbunden ist.
Was hinter den Zahlen steckt
Der Spitzen-Datenverkehr am DE-CIX Frankfurt hat sich in den vergangenen fünf Jahren nahezu verdoppelt: plus 89 Prozent. Seit September 2012, als erstmals die 2-Terabit-Marke überschritten wurde, hat er sich fast verzehnfacht. Der Treiber ist klar: Live-Streaming von Sportgroßereignissen. Die jüngsten Rekorde wurden fast ausnahmslos durch Fußball ausgelöst: Champions League und Weltmeisterschaft.
DE-CIX-Chef Ivo Ivanov sagt es selbst: „Die Fußballweltmeisterschaft macht eine Entwicklung sichtbar, die wir seit Jahren beobachten. Der weltweite Datenverkehr wächst kontinuierlich, nicht nur an Spieltagen."
Das ist eine ehrliche Aussage. Aber die Konsequenz daraus zieht niemand.
Das strukturelle Problem: IPTV skaliert linear
Wer Fußball über MagentaTV, DAZN oder einen anderen Streamingdienst schaut, bekommt einen individuellen Datenstrom. Für jeden Zuschauer wird ein eigener Stream aufgebaut, übertragen und empfangen. Bei zehn Millionen gleichzeitigen Zuschauern bedeutet das zehn Millionen individuelle Streams. Zehnmal mehr Datenvolumen, zehnmal mehr Netzwerklast, zehnmal mehr Energieverbrauch als bei einem einzelnen Zuschauer.
Satelliten-Empfang funktioniert grundlegend anders. Ein Signal wird ausgestrahlt – und erreicht gleichzeitig beliebig viele Empfänger, ohne dass der Energiebedarf mit der Zuschauerzahl steigt. Zehn Millionen Zuschauer kosten beim Satellit nicht mehr als einer. Es ist dasselbe Prinzip wie beim klassischen Rundfunk: DVB-S, DVB-T, DVB-C – alles One-to-Many-Übertragung.
In meiner Beratung spreche ich oft über die Effizienz einzelner Seiten und Dienste. Aber der Vergleich zwischen IPTV und Satellit zeigt, wie groß die Effizienzunterschiede auf Infrastrukturebene sein können. Codecs zu optimieren ist gut. Das grundlegende Übertragungsmodell zu überdenken, wäre besser.
Effizientere Codecs helfen – aber nicht genug
Die gute Nachricht: Moderne Videocodecs wie HEVC oder AV1 übertragen deutlich mehr Bildqualität pro Megabit als ältere Standards. Das dämpft das Wachstum des Datenvolumens.
Die schlechte Nachricht: Die eingesparte Bandbreite wird sofort für höhere Auflösungen genutzt. 4K statt HD, HDR statt SDR. Das Jevons-Paradox gilt auch hier: Effizienzgewinne werden durch Mehrkonsum kompensiert. Das Datenvolumen steigt trotzdem.
Was sich ändern müsste
Dass Sportgroßereignisse den Internetverkehr in Spitzen treiben, ist kein Naturgesetz. Es ist eine Folge von Entscheidungen: Wie werden Lizenzen vergeben? Welche Übertragungswege werden gefördert? Werden Energiekosten der Datenübertragung in die Kalkulation einbezogen?
In Deutschland hat die Telekom mit MagentaTV einen erheblichen Anteil an der IPTV-Nutzung bei Sportereignissen. Effizienzanforderungen an Streaming- dienste wie etwa verpflichtende Multicast-Nutzung im Telekommunikationsnetz oder Transparenz über den Energieverbrauch pro Übertragungsstunde wären regulatorisch machbar und ökologisch sinnvoll.
Der DE-CIX-Rekord vom 7. Juli zeigt, wohin die Reise geht: In fünf Jahren verdoppelt, in vierzehn Jahren verzehnfacht. Wenn wir das weiter als Erfolgsmeldung behandeln, ohne die Energieseite zu beleuchten, werden diese Rekorde weiter fallen und mit ihnen der Strombedarf der globalen Netzwerkinfrastruktur.
Quellen: Golem.de · Heise Online
