Ein Unternehmen deckt seinen gesamten Stromverbrauch rechnerisch zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie, baut effizientere Rechenzentren als fast jeder Wettbewerber und stößt trotzdem 25 Prozent mehr CO₂ aus als im Vorjahr. Genau das steht in Microsofts neuem Umweltbericht für das Geschäftsjahr 2025. Die Gesamtemissionen kletterten von 16,2 auf 20,3 Millionen Tonnen CO₂e. Das ist ungefähr der Jahresausstoß eines Landes wie Litauen und rund 58 Prozent mehr als noch 2020.
Der Grund ist der Ausbau von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Bemerkenswert ist, wie offen Microsoft das benennt: Die Nachhaltigkeitslösungen skalierten nicht schnell genug, um den zusätzlichen Bedarf zu decken. Ehrlicher kann ein Konzern das Verfehlen seiner kurzfristigen Klimaziele kaum einräumen. Und Microsoft ist kein Einzelfall, denn bei Amazon und Google sieht es mit Zuwächsen von 16 und 18 Prozent kaum besser aus.
Der Rebound-Effekt, dokumentiert vom größten Anbieter selbst
Schaut man genauer hin, beschreibt der Bericht ein Muster, das ich seit Jahren beobachte: den Rebound-Effekt. Effizienzgewinne machen eine Technologie billiger und leistungsfähiger und genau das schafft neue Nachfrage, die den Gewinn wieder auffrisst. Jede Kilowattstunde, die ein Rechenzentrum einspart, senkt die Kosten pro Anfrage. Sinkende Kosten pro Anfrage laden zu mehr Anfragen ein. Am Ende steigt der absolute Verbrauch, obwohl jede einzelne Berechnung effizienter geworden ist.
Wenn selbst das bestausgestattete Nachhaltigkeitsprogramm der Branche seinem eigenen Wachstum nicht davonrechnen kann, ist das keine Frage der Anstrengung. Dann ist Effizienz schlicht der falsche Hebel, um absolute Zahlen zu senken.
Ein Teil des Sprungs ist übrigens ehrlicheren Zahlen geschuldet: Microsoft kauft seit Februar 2025 keine fragwürdigen Herkunftsnachweise mehr, die bestehenden Ökostrom nur rechnerisch umbuchten. Das erhöht die bilanzierten Emissionen kurzfristig, ist aber glaubwürdiger als vorher. Solche Schritte erkenne ich an. Sie ändern nur nichts am Grundproblem.
Das fehlende Kapitel
Denn der Bericht optimiert durchgehend eine Seite: das Angebot. Grünerer Strom, effizientere Kühlung, emissionsärmerer Beton, CO₂-Entnahme in dreißig Jahren. Die andere Seite bleibt unberührt. Nirgends fragt der Bericht, welche Modelle, welche Anwendungen, welche Datenmengen und welche Anfragen überhaupt nötig sind. Der KI-Ausbau gilt als gesetzt. Die Frage lautet nur: Wie liefern wir mehr Rechenleistung grüner? Nie: Brauchen wir sie in diesem Umfang?
Genau hier fehlt ein Wort, das in keinem Hyperscaler-Bericht vorkommt: Datensparsamkeit. Die Nachfrageseite, die Microsoft unangetastet lässt, ist nämlich exakt die Seite, die wir in der Hand haben.
Warum das Deine Website betrifft
Ein Rechenzentrum emittiert nicht von allein. Es emittiert, was wir anfragen. Diese 20 Millionen Tonnen sind die Summe unzähliger einzelner Aufrufe: jede geladene Seite, jedes automatisch startende Video, jedes Tracking-Skript, jeder KI-Aufruf, der auch eine gespeicherte Antwort hätte sein können. Die abstrakte Konzernbilanz entsteht aus sehr konkreten Bausteinen, und viele davon liegen auf ganz normalen Websites.
Damit schließt sich der Kreis zu dem, worüber ich hier ständig schreibe. Eine überladene Seite mit ungenutztem JavaScript, ein veraltetes Bildformat, ein unnötiger externer Dienst: das sind alles Anfragen an genau die Rechenzentren, deren Bilanz gerade explodiert. Datensparsamkeit ist keine Nettigkeit am Rande. Sie ist der einzige Hebel, der die Nachfrage selbst senkt, statt sie nur effizienter zu bedienen.
Microsoft hält am Ziel fest, bis 2030 CO₂-negativ zu sein, und ich wünsche dem Konzern dabei Erfolg. Aber die Zahlen dieses Berichts zeigen vor allem eines: Effizienz senkt den Verbrauch pro Anfrage. Nur Suffizienz senkt die Zahl der Anfragen. Und die nachhaltigste Anfrage bleibt die, die gar nicht erst gestellt wird.
Quellen: Microsoft 2026 Environmental Sustainability Report · Data Center Dynamics: Microsoft reports 25 percent increase in CO2 emissions
