Auf dem Streamingdienst Deezer war im Juni erstmals die Mehrheit aller neu hochgeladenen Songs KI-generiert: rund 90.000 Tracks pro Tag. Die eigentlich entscheidende Zahl ist aber eine andere. Nur 1 bis 3 Prozent der tatsächlich gehörten Musik auf Deezer stammt von einer KI. Die überwältigende Mehrheit dieser 90.000 täglichen Songs wird also erzeugt, gespeichert, katalogisiert, geprüft … und nie gehört.
An diesem Widerspruch entscheidet sich, ob das ein Kulturthema ist oder ein Nachhaltigkeitsthema. Für mich ist es beides.
Die Flut kam vor der KI
Zunächst eine Einordnung, die in der Aufregung untergeht: Nicht die KI hat das Problem geschaffen. Sie hat es industrialisiert. Schon bevor Dienste wie Suno und Udio existierten, wurden pro Tag rund 106.000 Songs auf die Streamingplattformen geladen. Von den inzwischen über 253 Millionen Titeln im Katalog bekommen 88 Prozent weniger als 1.000 Abrufe im Jahr, fast die Hälfte weniger als zehn. Der Grund ist simpel: Als die Produktionskosten eines Songs gegen null gingen, entstand ein Ozean aus Musik, die niemand angefordert hat.
Die KI hat diese Kosten nun endgültig auf null gedrückt. Wer nie ein Instrument gelernt hat, komponiert heute in Minuten. Das ist verführerisch, denn gehört werden wollen wir alle. Der Traum vom Durchbruch über eine Plattform ist ja real: OneRepublic wurden über MySpace entdeckt, Billie Eilish über SoundCloud, Lana Del Rey über YouTube. Nur war das jedes Mal ein Mensch mit einer eigenen Handschrift und einem außergewöhnlichem Talent, alles Ausnahmefälle unter Millionen. Die KI verspricht eine Abkürzung und liefert stattdessen die 90.001. Datei des Tages.
Der Ressourcen-Fußabdruck, den kaum jemand sieht
Wie viel Energie ein einzelner KI-Song kostet, gibt keiner der Anbieter offen an. Seriöse Schätzungen ordnen die Audioerzeugung zwischen Text und Video ein: deutlich aufwendiger als ein Textprompt, weil ein Song eine lange, strukturierte Ausgabe ist, deren Aufwand mit der Länge wächst. Aber die exakte Zahl der Kilowattstunden oder CO₂-Emissionen pro Song ist gar nicht der Punkt.
Der Punkt ist das Verhältnis. Ein System, das 90.000 Songs am Tag erzeugt, von denen fast keiner gehört wird, verschwendet Ressourcen nicht im Einzelfall, sondern im Prinzip. Jede dieser Dateien belegt Speicher, wird indexiert, durch Erkennungssysteme geschickt, moderiert und mehrfach repliziert. Das ist derselbe Mechanismus, den ich von überladenen Websites kenne: Erzeugt wird auf Vorrat, bezahlt werden Übertragung und Vorhaltung, und der Nutzen tendiert gegen null. Auf einer Website nenne ich die Gegenstrategie Datensparsamkeit. Bei generierten Inhalten gilt sie genauso.
Deezer reagiert immerhin: KI-Musik wird gekennzeichnet, aus den Empfehlungen genommen und künftig gelöscht, wenn sie ein halbes Jahr lang niemand gestreamt hat. Auch Spotify hat zuletzt über 75 Millionen Spam-Tracks entfernt und verlangt, dass Künstler den KI-Einsatz offenlegen. Das behandelt aber das Symptom. Die Ursache bleibt: Erzeugen kostet nichts mehr und geschieht deshalb grenzenlos, während die Modelle aus realer, von Menschen produzierter Musik lernen, ohne dass deren Urheber gefragt oder finanziell entschädigt werden. Das tötet Kreativität!
Bleibt die eigentliche Frage, und die ist keine technische. Ein KI-Song ist im Kern der statistische Durchschnitt von Millionen menschlicher Songs, aus denen das Modell gelernt hat. Genau deshalb kann er kaum je das Einzelne sein, das die Vorlagen erst bedeutsam gemacht hat, so wie KI-Texte selten wirklich originell klingen. Die Plattformen füllen sich mit Mittelmaß und verdrängen den Ausreißer. Vielleicht ist das die nachhaltigste Erkenntnis von allen: Kunst entsteht durch Weglassen, nicht durch Hinzufügen. Und der wertvollste Track bleibt der, hinter dem ein Mensch stand, der eine eigene unverwechselbare Idee hatte.
Quellen: heise: Erstmals ist mehr als die Hälfte neu hochgeladener Songs auf Deezer KI · Music Business Worldwide: 253 Millionen Tracks auf den Streamingdiensten
