Über das Kontaktformular erreichte mich neulich eine Frage zum Fernsehen, die mich nicht mehr losgelassen hat: Warum wirbt eigentlich niemand für DVB-T2? Die Infrastruktur sei schließlich noch gar nicht so alt und spare gegenüber Streaming über DSL oder Glasfaser doch erhebliche Energie und Daten ein.
Meine spontane Antwort lautete sinngemäß: Ja, Satellit und DVB-T2 sind viel nachhaltiger als Kupferkabel oder Glasfaser. Ich habe danach etwas recherchiert und muss mich korrigieren. Grundsätzlich geht meine Aussage in die richtige Richtung, im Detail ist sie nicht nicht ganz korrekt.
Die überraschendste Zahl
Das Fraunhofer FOKUS hat 2024 die Verteiltechnologien in Deutschland vermessen. Das Ergebnis für die terrestrische Antenne ist bemerkenswert: DVB-T2 hat von allen vier Rundfunkwegen den höchsten Stromverbrauch. Rund 10 Wattstunden pro Stunde und Anschluss. Zum Vergleich: IPTV liegt bei 3 Wattstunden, Kabel bei 4 bis 6, und der Satellit bei 0,15.
Der Grund ist nicht die Technik, es ist die Auslastung. Über 150 Sendeanlagen laufen rund um die Uhr, egal ob jemand zuschaut. Und der terrestrische Rundfunk kam 2023 in Deutschland gerade einmal auf 6 Prozent der Fernsehnutzung. Ein Sendernetz, das für wenige läuft, verteilt seinen Grundverbrauch eben auf wenige Schultern.
Der Satellit zeigt das Gegenteil. Ein einziger Uplink versorgt hunderte Millionen Haushalte in ganz Europa, und der Satellit selbst bezieht seinen Strom im Orbit aus Solarmodulen. Deshalb ist die Übertragung praktisch kostenlos. Fraunhofer nennt Satellit die effizienteste Broadcast-Technologie.
Damit ist das Prinzip klarer, als die Ausgangsfrage nahelegte. Rundfunk ist nicht per se sparsam. Rundfunk ist sparsam, wenn viele ihn gleichzeitig nutzen. Genau dieselbe geteilte Infrastruktur wird zur Verschwendung, wenn kaum jemand sie nutzt.
Glasfaser ist nicht der Gegner
Auch der zweite Teil meiner Antwort war zu schnell. Fraunhofer bezeichnet Glasfaser als die effizienteste Technologie für Streaming und hält einen direkten Vergleich von Broadcast und Streaming ohnehin für ungeeignet, weil Antenne und Satellit nur in eine Richtung senden. Mediatheken gibt es bei beiden Rundfunkwegen nur mit zusätzlicher Internetverbindung. Sinnvoll bleibt deshalb die Kombination: lineares Fernsehen über den ohnehin laufenden Rundfunkweg, Abrufinhalte über das Netz, wenn man sie wirklich braucht.
Der eigentliche Hebel steht im Wohnzimmer
Und dann kommt die Erkenntnis, die alles andere relativiert. 70 bis 80 Prozent des gesamten Energiebedarfs entfallen auf die Endgeräte, nicht auf Netze oder Rechenzentren. In den Fraunhofer-Szenarien braucht eine Stunde auf dem Smart-TV rund 169 Wattstunden, mit HDR sogar 243. Dieselbe Stunde auf dem Smartphone: 21. Das ist der Faktor 20, und er entsteht komplett hinter dem Empfänger.
Noch interessanter ist, was dabei nicht hilft. Die Messungen zeigen, dass Bitrate und Auflösung den Verbrauch der Endgeräte kaum beeinflussen. Zwischen SD und UHD liegen am Gerät nur marginale Unterschiede. Was wirklich zählt, sind Helligkeit, HDR und der Eco-Modus.
Bemerkenswert ist übrigens, dass die Studie beim Mobilfunk ausdrücklich den Rebound-Effekt benennt: 5G ist effizienter als 4G, doch der Effizienzgewinn wird durch die gestiegene Nutzungsmenge wieder aufgezehrt. Dasselbe Muster, das ich bei Microsofts CO₂-Bilanz beschrieben habe. Es begegnet uns überall.
Was bleibt für uns, die wir Websites betreiben? Dieselben zwei Lehren. Geteilte Infrastruktur rechnet sich nur bei Auslastung, ein Cache ohne Treffer ist teurer als keiner. Ein überdimensionierter Server schadet mehr als er nützt. Und der größte Teil der Arbeit passiert nicht auf dem Server, sondern auf dem Endgerät der Besucher, wo beispielsweise JavaScript ausgeführt und gerendert wird.
Wie teuer Überdimensionierung ist, zeigt eine Messung aus derselben Studie. Ein vermessener CDN-Server zog dauerhaft rund 450 Watt Grundlast. Zur abendlichen Spitzenzeit kamen gerade einmal 50 Watt hinzu. Die Maschine verbrauchte also den weit überwiegenden Teil ihrer Energie dafür, verfügbar zu sein, nicht dafür, zu arbeiten. Wer eine eigene Maschine bucht, weil die Seite irgendwann wachsen könnte, bezahlt diese Grundlast in jeder Stunde des Jahres mit. Dafür bieten Hoster heute bessere Lösungen.
Die Gegenrichtung heißt lastadaptiver Betrieb: Kapazität, die der tatsächlichen Nachfrage folgt, statt rund um die Uhr für den Maximalfall bereitzustehen. Fraunhofer hält eine dynamischere Auslegung für lohnend, verweist aber darauf, dass Rechenzentren sich damit deutlich schwerer tun als Endgeräte, die in Sekundenbruchteilen in den Sparzustand wechseln. Automatisierte, zunehmend KI-gestützte Lastverteilung setzt genau hier an. Sie bündelt Last dort, wo Kapazität ohnehin läuft, und schaltet den Rest ab. Nur braucht diese Steuerung selbst Rechenleistung. Ein Gewinn entsteht also erst, wenn sie weniger verbraucht, als sie einspart. Das klingt selbstverständlich, wird aber erstaunlich selten nachgerechnet.
Die Frage meines Lesers war also besser als meine erste Antwort. Nicht der Übertragungsweg entscheidet, sondern wie viele ihn teilen und was am Ende der Leitung steht. Effizienz entsteht nicht durch Technik, sondern durch Auslastung.
Quellen: Fraunhofer FOKUS: Green Streaming Whitepaper 2024 · LoCaT-Projekt zum Vergleich der TV-Verbreitungswege
