Starlink an Bord: Die erste Suffizienz-Regel im Bordnetz

Am 19. August hebt der erste Airbus A320neo der Lufthansa mit Starlink-Internet ab, bis 2029 sollen rund 850 Flugzeuge der Gruppe folgen. Interessant finde ich aber nicht die Bandbreite, sondern das, was Lufthansa gleich mitliefert: eine Verbotsliste. Wer sich einloggt, muss Nutzungsregeln zustimmen. Kopfhörerpflicht bei Audio und Video, keine Sprach- und Videoanrufe, keine Live-Streams von Bord.

Das sind exakt die drei bandbreitenintensivsten Nutzungen. Lufthansa hat damit die erste ernsthafte Suffizienz-Regel im Bordnetz eingeführt. Sie nennt sie nur nicht so, sondern begründet sie mit Kabinenruhe und Gästebefragungen.

Der Preis steht nicht in Euro

Kostenfrei ist das Angebot für Miles-&-More-Statuskunden und für alle, die sich eine Travel ID anlegen. Ohne Konto kein Zugang. Sponsor des Portals ist Mastercard.

Damit ist das WLAN nicht kostenlos, sondern anders bepreist. Bezahlt wird mit einer dauerhaft zuordenbaren Identität, die Flugdaten, Buchungsverhalten und künftig Verbindungsdaten an Bord in einem Profil zusammenführt. In meiner Beratung erlebe ich diese Konstruktion regelmäßig, und sie funktioniert immer gleich: Der Preis verschwindet aus der Rechnung und taucht in der Datenbank wieder auf. Wer das für einen fairen Tausch hält, soll ihn machen. Er sollte nur wissen, dass er ihn macht.

Was der Zugang physisch kostet

Starlink besteht aus über 10.000 aktiven Satelliten, ausgelegt auf rund fünf Jahre Lebensdauer. Das ist keine langlebige Infrastruktur, sondern ein Verschleißteil in industriellem Maßstab. Laut FCC-Bericht hat SpaceX zwischen Dezember 2025 und Mai 2026 260 Satelliten kontrolliert verglühen lassen, weitere 349 warten auf die Entsorgung.

Beim Wiedereintritt verschwindet Hardware nicht, sie wird chemisch umgewandelt. Eine Studie in den Geophysical Research Letters beziffert, dass ein typischer 250-Kilogramm-Satellit dabei rund 30 Kilogramm Aluminiumoxid-Nanopartikel erzeugt, die jahrzehntelang in der Atmosphäre bleiben und als Katalysator beim Ozonabbau wirken. Für das gesamte Jahr 2022 kamen die Autoren auf etwa 17 Tonnen aus allen weltweiten Wiedereintritten.

Achtung
Rechne das gegen: 260 Starlink-Satelliten in einem halben Jahr ergeben bei 30 Kilogramm pro Stück rund 7,8 Tonnen Aluminiumoxid. Das ist eine Überschlagsrechnung mit der leichtesten Baureihe, keine Messung, denn neuere Modelle wiegen 800 bis 1.250 Kilogramm. Und der Ersatzzyklus steht erst am Anfang: Bei 10.000 Satelliten und fünf Jahren Lebensdauer wären im Dauerbetrieb rund 2.000 Ersatzstarts pro Jahr nötig.

Das ist Embodied Carbon in Reinform, nur dass die Bilanz hier nicht in einem Rechenzentrum steht, sondern in der Mesosphäre. Kein Green Hosting der Welt korrigiert das nachträglich.

Die Abhängigkeit ist älter als die Entscheidung

Naheliegend wäre jetzt der Vorwurf, ein europäischer Konzern hätte europäisch einkaufen sollen. Schaut man genauer hin, trägt der nicht. Eutelsat OneWeb betreibt rund 650 LEO-Satelliten, das EU-Programm IRIS² kommt auf 348 geplante Satelliten, über 15 Milliarden Euro Budget und einen ersten Dienst ab 2030, kommerziell voll erst um 2032. Lufthansas Rollout ist 2029 abgeschlossen.

Lufthansa hatte für den Zeitraum, um den es geht, schlicht keine gleichwertige europäische Option. Genau das ist das Souveränitätsproblem, und es lässt sich nicht durch eine bessere Beschaffungsentscheidung lösen. Wer erst Abhängigkeit aufbaut und dann über Alternativen nachdenkt, denkt zu spät.

Was Du daraus für Deine Website mitnimmst

Der brauchbarste Teil dieser Meldung ist die Verbotsliste. Lufthansa hat vorgeführt, dass man bandbreitenintensive Nutzung begrenzen kann, ohne dass jemand von Verzicht spricht. Man definiert einfach, was das Netz ist und was es nicht ist.

Tipp
Geh Deine Seite auf denselben Punkt durch: Läuft irgendwo ein Video mit autoplay? Steht bei Medien preload="auto" statt preload="none"? Lädt ein Hintergrundvideo, das niemand angefordert hat? Das sind Deine drei Livestreams von Bord. Sie kosten Daten bei jedem Aufruf, und sie abzuschalten dauert zehn Minuten.

Lufthansa verkauft Verfügbarkeit über den Wolken und schreibt gleichzeitig ins Kleingedruckte, was man damit besser nicht macht. Der Widerspruch ist die eigentliche Nachricht: Die sparsamste Verbindung ist nicht die effiziente, sondern die, die niemand aufbaut.


Quellen: Lufthansa Group Newsroom · heise online zum Starlink-Start · Ferreira et al., Geophysical Research Letters 2024 · FCC-Zahlen zu Deorbits · IRIS2 geht in die Umsetzung