Warum 2,93 MB unauffällig aussehen - und niemand nachmisst

2,93 Megabyte. So viel Datenvolumen übertragen die 25 größten deutschen Nachrichtenseiten im Mittel, bevor der Consent-Banner beantwortet ist. Der Median liegt bei 2,52 MB.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Zahl. Es ist, wie normal sie aussieht. Der Web Almanac hat für Oktober 2024 als Median einer Desktop-Startseite 2.652 KB gemessen. Wer eine deutsche Nachrichtenseite durch einen der üblichen CO₂-Rechner schickt, bekommt also ein Ergebnis, das sauber im Branchendurchschnitt liegt. Nichts daran wirkt verdächtig. Genau deshalb prüft niemand nach.

Die Messung endet, bevor die Sitzung beginnt

Ich habe für dieselben 25 Seiten drei Zustände per HAR-Auswertung erfasst: vor der Consent-Entscheidung, nach der Zustimmung, und nach dem Scrollen bis zum Seitenende.

Der Mittelwert wächst dabei von 2,93 über 7,89 auf 19,29 MB, der Median von 2,52 über 6,75 auf 16,71 MB. Die Zahl, mit der die Werkzeuge arbeiten, beschreibt also eine Sekunde, die vor der eigentlichen Nutzung liegt. Alles, was danach passiert, fällt aus der Messung heraus.

Ein Rechner, der bis zum Banner misst, misst nicht falsch

Er misst etwas anderes, als sein Ergebnis suggeriert: den Zustand einer Seite in dem Moment, bevor ein Mensch mit ihr zu tun bekommt. Das ist ein sauber definierter Messpunkt. Er beschreibt nur keine Nutzung.

Eine im Juli 2026 bei ACM Transactions on the Web angenommene Untersuchung von Janne Kalliola und Juho Vepsäläinen hat hundert Websites aus fünf Ländern automatisiert vermessen und dabei ebenfalls Cache, Cookie-Entscheidung und Scrollen getrennt betrachtet. Auch dort liegt bei Medienseiten zwischen der nicht gescrollten und der gescrollten Variante ein Vielfaches. Meine Handmessung und ihre automatisierte Erhebung kommen unabhängig voneinander zum selben Bild.

Info
Wichtig für die Einordnung: Datenvolumen ist nicht Energie. Dieselbe Studie hat die Korrelation zwischen übertragenen Bytes und dem Energieverbrauch im Browser berechnet, und ausgerechnet bei Medienseiten ist sie am schwächsten. Ein Vielfaches beim Volumen bedeutet also kein Vielfaches beim Endgerät. Mein Befund ist ein Argument über Netz und Rechenzentrum, nicht über den Akku Deiner Besucher.

Nachrichtenseiten sind der Extremfall, nicht der Normalfall

Bei den Regierungsseiten der finnischen Untersuchung ändert die Consent-Entscheidung praktisch nichts an der Zahl der Anfragen. Dort gibt es nichts zu blockieren, weil dort keine Drittanbieter eingebunden sind.

Der Unterschied zwischen beiden Gruppen liegt nicht in besserer Optimierung. Er liegt in der Entscheidung, was überhaupt eingebaut wird.

Tipp
Miss Deine eigene Seite in vier Schritten nach: Entwicklerwerkzeuge öffnen, Reiter Netzwerkanalyse, Cache deaktivieren. Notiere das übertragene Volumen vor jeder Consent-Entscheidung, nach dem Ablehnen, nach dem Zustimmen und nach dem Scrollen bis zum Seitenende. Vier Zahlen, zwei Minuten. Der Abstand zwischen der ersten und der letzten sagt Dir, wie weit Dein Rechnerergebnis danebenliegt.

Was meine Messung nicht kann

25 Seiten, jeweils die Startseite, jeweils ein Durchlauf pro Zustand, Desktop-Browser. Das ist keine repräsentative Erhebung für das deutsche Web, sondern eine Größenordnung. Sie deckt sich mit einer unabhängigen, wesentlich aufwendigeren Untersuchung, und mehr behaupte ich nicht.

Was noch fehlt, ist der Zustand nach dem Ablehnen. Der beantwortet eine andere Frage: nicht, wie viel dazukommt, sondern wie viel davon vermeidbar gewesen wäre.

Eine Zahl, die niemanden überrascht, wird nicht nachgeprüft. Das macht sie nicht zur besten Kennzahl, sondern zur gefährlichsten.


Quellen: Kalliola, Vepsäläinen: Evaluating Front-end Web Energy Consumption (ACM Trans. Web, 2026) · Web Almanac 2024: Page Weight