Wer aussteigen kann, hat die Wahl schon gehabt

Es gibt eine wachsende Bewegung von Menschen, die ihr Smartphone abgeben, ihre Konten löschen und ihre Verabredungen wieder über Plakate und Telefonnummern organisieren. Sie nennen sich Ludditen, halb im Ernst, halb als Rückeroberung eines Schimpfworts. Ich habe Sympathie für fast alles, was sie sagen. Nur ihre Lösung teile ich nicht, und der Grund dafür hat nichts mit Technikbegeisterung zu tun.

Die Ludditen waren keine Maschinenstürmer

Der Begriff wird bis heute falsch benutzt. Zwischen 1811 und 1816 zerschlugen in England drei Berufsgruppen Maschinen: Tuchscherer in Yorkshire, Baumwollweber in Lancashire, Strumpfwirker in Nottingham. Das waren keine technikfeindlichen Hinterwäldler, sondern gelernte Handwerker mit langer Tradition, die ihre Werkzeuge genau kannten. Ihr Protest richtete sich nicht gegen die Maschine, sondern gegen deren Einsatz: gegen den Wegfall der Schutzgesetze, die ihr Gewerbe geregelt hatten, und gegen Fabriken, in denen ungelernte und jugendliche Kräfte an konzentrierten Webstühlen billige Ware produzierten.

Der Sozialhistoriker Eric Hobsbawm hat das später als Kollektivverhandlung durch Aufruhr beschrieben. Die zerstörte Maschine war ein Druckmittel in einem Lohnkonflikt, nicht das Ziel einer Weltanschauung. Gewerkschaften, die dasselbe hätten verhandeln können, gab es noch nicht.

Ned Ludd, in dessen Namen die Drohbriefe unterzeichnet wurden, ist vermutlich eine Erfindung. Für die Geschichte des Lehrlings, der 1779 im Zorn zwei Strumpfrahmen zerschlagen haben soll, gibt es keinen unabhängigen Beleg. Die Todesstrafe auf Maschinenzerstörung, die das Parlament 1812 einführte, gab es dagegen sehr wohl, und in Nottingham setzte der Staat 12.000 Soldaten gegen die eigene Bevölkerung ein. Wegen ein paar Handwerkern, die angeblich nur zu dumm für den Fortschritt waren.

Brian Merchant hat den Vorgang in Blood in the Machine (Little, Brown 2023) ausführlich aufgearbeitet. Aus einem Arbeitskampf über die Frage, wem der Produktivitätsgewinn gehört, wurde in der Rückschau ein Synonym für Fortschrittsfeindlichkeit. Das war keine historische Ungenauigkeit, sondern rhetorisch nützlich.

Und genau deshalb ist der Begriff heute wieder da. Wer in einem Projekt sagt, eine Funktion sei überflüssig, bekommt selten eine Prüfung, sondern ein Etikett. Fortschrittsverweigerer. Bremser. Ludditen eben. Der Vorwurf ist zweihundert Jahre alt und funktioniert deshalb so zuverlässig, weil er die inhaltliche Auseinandersetzung ersetzt. Man muss nicht begründen, warum etwas gebraucht wird, wenn man dem anderen unterstellen kann, gegen Fortschritt an sich zu sein.

Warum ich nicht ganz dazugehöre

Bis hierhin bin ich einer von ihnen. Ab hier nicht mehr.

Der Ausstieg ist eine Lösung, die Voraussetzungen hat. Wer seine Schichten über eine App zugeteilt bekommt, kann das Konto nicht löschen. Wer einen Kita-Platz, eine Wohnung oder einen Behördentermin braucht, kann nicht auf Papier bestehen. Wer ein sechs Jahre altes Gerät und ein getaktetes Datenvolumen hat, hat keine Ruhe gefunden, sondern ein Problem.

Digital Detox ist eine Praxis für Menschen, die sich Abwesenheit leisten können. Das ist kein Vorwurf an die Bewegung. Es ist ihre Grenze, und sie ist strukturell: Eine Lösung, die individuellen Rückzug verlangt, hilft genau denen nicht, die am wenigsten Spielraum haben.

Achtung
Ausstieg ist ein Privileg, und zwar eines, das sich selbst unsichtbar macht. Wer offline gehen kann, merkt selten, dass er dabei etwas ausübt, das andere nicht haben. Genau deshalb wirkt der Ratschlag, doch einfach mal abzuschalten, in manchen Ohren wie Hohn.

Suffizienz ist die Variante für alle anderen

Wenn der Ausstieg nur für Menschen mit Optionen funktioniert, bleibt für alle anderen nur eines: Das Digitale selbst muss sparsamer werden. Nicht als Verzicht, sondern als Konstruktionsentscheidung.

In Projekten höre ich dazu regelmäßig denselben Satz: Digitale Nachhaltigkeit bringe nichts, man müsse sich auf die Kernthemen konzentrieren, also auf Kunden und Umsatz. Meine erste Antwort darauf ist die bequeme, und sie stimmt: Genau dabei hilft eine schnelle Seite. Kürzere Ladezeiten, weniger Abbrüche, bessere Auffindbarkeit. Wer sparsam baut, bekommt den Geschäftsnutzen mitgeliefert, ohne ihn zu suchen.

Das Argument funktioniert im Gespräch fast immer. Trotzdem gebe ich es ungern. Denn es akzeptiert stillschweigend die Prämisse, dass Sparsamkeit sich rechtfertigen muss, und es endet genau dort, wo kein Umsatz entsteht: auf dem Antragsformular der Behörde, im Schulportal, auf der Seite der Krankenkasse. Dort ist der einzige Ertrag, dass jemand mit schwachem Gerät und schlechtem Netz überhaupt ankommt. Das reicht als Grund.

Eine Seite, die auf einem alten Android bei schwachem Netz in zwei Sekunden steht, ist kein Performance-Erfolg. Sie ist ein Teilhabe-Instrument. Wer weniger ausliefert, entlastet fremde Geräte, fremde Akkus, fremdes Datenvolumen und fremde Nerven. Jedes Skript, das ich nicht einbinde, muss jemand anders nicht herunterladen und nicht ausführen. Das ist der Punkt, an dem Suffizienz aufhört, eine private Tugend zu sein, und anfängt, eine Entscheidung für andere zu werden.

Der Unterschied zum Ausstieg ist die Richtung. Der Ausstieg verlangt etwas von der Person, die am wenigsten Einfluss hat. Suffizienz verlangt etwas von der Person, die die Seite baut. Und das ist, ehrlich gesagt, die einzig faire Verteilung der Zumutung.

Deshalb bin ich kein Ludditen im heutigen Sinn und, wenn man es genau nimmt, sehr wohl einer im ursprünglichen. Ich habe nichts gegen die Maschine. Ich habe etwas gegen die unhinterfragte Voreinstellung.

Dein erster Schritt

Du musst dafür nichts abschaffen. Du musst nur einmal die Frage stellen, die in Projekten fast nie gestellt wird: Wer braucht das, und was kostet es den, der es nicht braucht?

Tipp
Nimm Dir eine Seite Deiner Website vor und öffne sie in den Entwicklerwerkzeugen Deines Browsers mit gedrosselter Verbindung, etwa der Einstellung Slow 4G, und mit reduzierter Rechenleistung. Dann schau zu. Alles, was danach noch nachlädt, hast Du jemandem aufgebürdet, der Dich nicht darum gebeten hat. Streich davon eine Sache. Nur eine. Nächste Woche wieder.

Die Offline-Bewegung stellt die richtige Frage und beantwortet sie für einen kleinen Kreis. Unsere Aufgabe ist, dieselbe Frage für alle anderen zu beantworten, die drinbleiben müssen. Nachhaltigkeit, die nur für Menschen funktioniert, die aussteigen können, ist keine.


Quellen: Maschinenstürmer · Ned Ludd · Brian Merchant, Blood in the Machine: The Origins of the Rebellion Against Big Tech, Little, Brown 2023