Am 6. August hat Cloudflare-Finanzchef Thomas Seifert Analysten eine Zahl genannt, die seither durch die Fachpresse läuft: Wenn die aktuellen Trends anhielten, werde der nicht menschliche Datenverkehr in fünf Jahren bis zu tausendmal so groß sein wie der menschliche. Menschen seien dann nur noch ein Rundungsfehler im Internet, nicht weil menschlicher Verkehr abnehme, sondern weil der maschinelle so schnell wachse.
Der ehrlichste Satz des Auftritts wird selten mitzitiert. Seifert stellte seine Prognose ausdrücklich unter den Vorbehalt, dass er bisher an jeder Stelle falsch gelegen habe. Cloudflare hatte den Punkt, an dem Maschinen den Menschen überholen, ursprünglich für 2027 erwartet. Nach den eigenen Messungen war er im Mai 2026 erreicht.
Was die Zahl misst und was nicht
Die Datengrundlage ist Cloudflare Radar: Anfang Juni lag der Bot-Anteil an den HTTP-Anfragen nach HTML-Inhalten bei rund 57,5 Prozent, der menschliche bei 42,5 Prozent. Das ist eine sauber definierte Kennzahl, und sie beschreibt genau eine Größe: Anfragen nach HTML, im Netz eines Anbieters, der etwa ein Fünftel des Web-Traffics sieht.
Anfragen sind aber nicht Bytes, und Bytes sind nicht Energie. Ein Crawler holt in der Regel das HTML-Dokument. Ein Mensch holt Bilder, Schriften, Skripte, eingebettete Videos, nach der Consent-Entscheidung noch einmal so viel und beim Scrollen erneut. In meiner Messung an 25 deutschen Nachrichtenseiten lag der Mittelwert einer vollständigen Sitzung bei 19,29 MB. Ein HTML-Dokument derselben Seite bewegt sich im Bereich einiger Dutzend Kilobyte.
Effizienz gegen Faktor 1.000
Seifert zog aus seiner eigenen Prognose die Konsequenz, man müsse deutlich effizienter werden, und verwies dabei auf die Dienste seines Unternehmens. Das ist konsistent mit dem Geschäftsmodell: Cloudflare plant Investitionen von rund 14 bis 15 Prozent des Umsatzes und verkauft nach Aussage des Vorstandschefs nicht Server, sondern erledigte Arbeit.
Rechnerisch geht die Gleichung trotzdem nicht auf. Wächst der Verkehr um den Faktor 1.000 und wird die Infrastruktur zehnmal effizienter, steigt der Verbrauch immer noch um den Faktor 100. Effizienz kann ein solches Wachstum nicht einfangen, sie kann es nur verlangsamen. Wer Effizienz als Antwort auf tausendfaches Wachstum anbietet, verkauft eine Beruhigung, keine Lösung.
Die Frage, die auf der Bilanzpressekonferenz nicht gestellt wird
Vorstandschef Matthew Prince hat das Wachstum an einem Beispiel erklärt: Ein Mensch, der eine Kamera sucht, schaut bei fünf Händlern nach. Ein Agent könne 5.000 Websites für ihn prüfen.
Das Bedürfnis ist in beiden Fällen dasselbe. Eine Kamera. Die 5.000 Abrufe sind kein Bedarf, sondern eine Architekturentscheidung. Sie entstehen, weil Rechenzeit billiger ist als Zurückhaltung, nicht weil jemand sie braucht. Genau hier liegt die Frage, die in einer Prognose über Nachfragewachstum nie auftaucht: Muss diese Anfrage überhaupt gestellt werden?
Was Du tatsächlich steuern kannst
Die robots.txt ist eine Bitte, kein Schloss. Wirksam sind serverseitige Regeln, Ratenbegrenzung und die Entscheidung, welchen Agenten Du was ausliefern willst. Wichtiger ist aber die zweite Hälfte: Ein Agent will Text. Wenn Du ihm eine Seite ausliefern lässt, die für menschliche Augen gebaut ist, mit Schriften, Bildern und Consent-Logik, verschwendest Du Ressourcen an einen Besucher, der davon nichts verwertet.
Der Rundungsfehler ist nicht der Mensch. Es ist der Anteil dessen, was wir Maschinen ausliefern, den sie überhaupt verwerten.
Quellen: The Register: Humans will be a rounding error on the internet, says Cloudflare exec · Golem: Menschen werden im Internet nur ein Rundungsfehler sein · Cloudflare Radar
