Digital Independence Day: Wechseln spart auch CO₂

Als Microsoft im Juli seinen Nachhaltigkeitsbericht vorlegte, stiegen die gemeldeten Emissionen um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Teil dieses Sprungs hat nichts mit neuen Servern zu tun. Der Konzern hat schlicht aufgehört, nicht-zusätzliche, ungebündelte Ökostromzertifikate einzukaufen. Die Emissionen waren also vorher schon da. Sie standen nur nicht in der Bilanz.

Genau deshalb schaue ich mir den Digital Independence Day am 6. September mit einem zweiten Interesse an. Die Initiative wurde Ende 2025 auf dem 39. Chaos Communication Congress vorgestellt, wird von Save Social koordiniert und findet seither an jedem ersten Sonntag im Monat statt. Das Argument der Macher ist demokratiepolitisch: weniger Abhängigkeit von wenigen Konzernen, mehr Kontrolle über die eigenen Daten. Ökologie kommt dort nicht vor. Ich halte sie trotzdem für einen der handfesteren Nebeneffekte.

Kompensation ist keine Reduktion

Die aktuellen Berichte der großen Anbieter zeichnen ein klares Bild. Alle drei melden für 2025 deutliche Zuwächse, getrieben vom Ausbau der KI-Infrastruktur.

Info

Die Emissionsbilanzen 2025 der drei größten Cloud-Anbieter

Microsoft: rund 34 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent brutto, nach Abzug zertifizierter Entnahmen 20 Millionen Tonnen netto. Das sind 25 Prozent mehr als im Vorjahr.

Amazon: rund 81 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent, ein Plus von 16 Prozent.

Google: plus 18 Prozent bei den Emissionen, bei einem um 37 Prozent gestiegenen Stromverbrauch.

Bemerkenswert ist weniger die Höhe der Zahlen als ihre Herkunft. Bei den Hyperscalern ist Nachhaltigkeit weitgehend eine Frage der Rechnungslegung geworden: Zertifikate, langfristige Stromabnahmeverträge, zugekaufte CO₂-Entnahmen. Das sind Instrumente, mit denen sich eine Bilanz gestalten lässt, ohne dass sich am physikalischen Stromverbrauch eines Rechenzentrums etwas ändern muss. Microsofts Zertifikats-Stopp zeigt das im Umkehrschluss sehr präzise.

Bei kleineren Anbietern ist Nachhaltigkeit dagegen meist eine Frage des Betriebs. Infomaniak in Genf betreibt sein neues Rechenzentrum unterirdisch unter einem Wohngebiet, speist die gesamte Abwärme in das kantonale Fernwärmenetz ein und kühlt ohne Klimaanlage. Angegeben wird ein PUE von 1,09. Das sind Herstellerangaben ohne externe Prüfung, und der Vergleich hinkt methodisch: Die Konzerne berichten nach GHG-Protocol und werden auditiert, kleine Anbieter tun das in der Regel nicht. Der Unterschied liegt trotzdem in der Art der Größe. Ein PUE ist gemessen. Ein Zertifikat ist gekauft.

Europäisch ist nicht automatisch grün

Hier wird es unbequem, und deshalb sage ich es deutlich: Der Umzug zu einem europäischen Anbieter ist ökologisch kein Selbstläufer.

Achtung
Ein Server am Kohlestrom kann eine schlechtere CO₂-Bilanz haben als ein Hyperscaler-Rechenzentrum mit eigenem Windpark. Entscheidend ist nicht die Landesgrenze, sondern der Strommix am Standort, die Abwärmenutzung und die Lebensdauer der Hardware. Wer „europäisch“ mit „grün“ gleichsetzt, betreibt Greenwashing mit anderem Vorzeichen.

Lokal ist tendenziell die bessere Wahl, aber nicht aus dem Grund, den viele vermuten. Die kurzen Netzwege sparen kaum etwas, der Transport macht nur einen geringen Anteil am Energieverbrauch aus. Wirksam ist Nähe aus drei anderen Gründen: Du kennst den Strommix, unter dem der Server läuft. Abwärme lässt sich nur dort verwerten, wo jemand sie braucht, also in einem Fernwärmenetz vor Ort. Und Du kannst nachfragen. Bei einem regionalen Anbieter bekommst Du auf die Frage nach dem PUE eine Antwort, bei einem Konzern einen Link auf einen Nachhaltigkeitsbericht.

Der eigentliche Gewinn liegt im Ausmisten

Ein Wechsel allein spart null Byte. Wenn dieselben 200 Gigabyte künftig nur in einem anderen Rechenzentrum liegen, ist das Problemverlagerung, keine Einsparung. Der ökologische Gewinn entsteht an einer anderen Stelle: Ein Umzug ist der seltene Moment, in dem Du überhaupt hinschaust. Die Wechselrezepte des DI.DAY sind faktisch Inventurlisten. Wer sie durcharbeitet, stellt zum ersten Mal seit Jahren die Frage, ob die alten Fotoarchive, die doppelten Backups und die drei ungenutzten Konten wirklich mitmüssen.

Nimm Dir für den 6. September einen einzigen Dienst vor, nicht zehn. Prüfe beim neuen Anbieter zwei Dinge: den Strommix und ob die Abwärme genutzt wird. Und miste vor dem Umzug aus, nicht danach. Der sparsamste Account ist der, den Du beim Umzug gar nicht erst mitnimmst.

Quellen: Digital Independence Day, Golem: Microsofts Emissionen steigen um 25 Prozent, Infomaniak zum Rechenzentrum in Genf