0,3 Gramm CO₂ pro Seitenaufruf – diese Zahl begegnet dir überall. Woher kommt sie? Wie verlässlich ist sie? Und warum ist eine Abschätzung nie eine exakte Messung?

Diverse Kalkulatoren versuchen, die CO₂-Emissionen von Webseiten aus dem Datenvolumen zu berechnen. Welche grundlegenden Probleme bestehen dabei? Was ist das Sustainable Web Design Model? Und wie kann man die Nachhaltigkeit von einzelnen Unterseiten oder ganzen Domains abschätzen?

Shownotes:

Das Modell hinter der Zahl

Die meisten CO₂-Werte für Webseiten stammen aus dem Sustainable Web Design Modell – einem wissenschaftlichen Versuch, den gesamten Stromverbrauch des Internets auf das Datenvolumen einzelner Seiten herunterzubrechen. Das Ergebnis: Etwa 360 Gramm CO₂ pro Gigabyte übertragene Daten (globaler Durchschnitt, Stand 2019).

Als Chemiker würde ich sagen: Das ist eine sinnvolle Schätzung mit großem Fehlerbalken. Sinnvoll, weil sie alle relevanten Faktoren einschließt – Endgeräte, Netzinfrastruktur, Rechenzentren, Hardware-Produktion. Und einen Fehlerbalken von mehreren hundert Prozent.

Info
Der Island-Effekt zeigt das Problem: Ein Besucher in Island auf einem isländischen Server würde den lokalen Strommix von unter 30 g CO₂/kWh nutzen – statt des globalen Durchschnitts von 442 g. Der Kalkulator sieht keinen Unterschied.

Was die Zahl nicht kann

Kalkulatoren erfassen immer nur eine Seite, ohne Interaktion, ohne Bots, ohne PDF-Downloads, ohne Videos, die nach einem Cookie-Consent nachgeladen werden. Die echte CO₂-Bilanz einer Website liegt in den Logfiles des Servers – dort steht, wie viele Bytes wirklich übertragen wurden, von echten Besuchern und Bots zusammen.

Wenn du eine verlässliche Zahl willst: Frag deinen Hoster nach den monatlichen Traffic-Daten deiner Domain. Mit dem Wert aus den Logfiles und dem Faktor 360 g/GB bekommst du eine deutlich realistischere Schätzung.

Der richtige Umgang mit Kalkulatoren

Nutze Kalkulatoren wie den Website Carbon Calculator oder Digital Beacon nicht für absolute Aussagen, sondern für relative Vergleiche: Teste vor und nach einer Optimierung, und schau, ob der Wert sinkt. Das ist aussagekräftig – die absolute Zahl nicht.