Energiefresser Internet

80 Prozent des gesamten Internetverkehrs sind Videos – und wer eine Stunde in Full HD streamt, verbraucht so viel Energie, wie er auf einem Ergometer in drei Stunden erzeugen könnte. Digitalexperte Jörg Schieb hat all das in seinem Buch „Energiefresser Internet" zusammengetragen: von den Anfängen im Militärnetz bis zu Bitcoin, KI und dem Rebound-Effekt. Warum das Thema trotzdem kaum jemanden interessiert – und was das mit unserer Pauschalflat zu tun hat.

Das Internet verbraucht immer mehr Strom und Ressourcen. Der bekannte Buchautor und Digitalexperte Jörg Schieb hat in seinem neuen Buch “Energiefresser Internet” viele Fakten und Daten zu diesem unterschätzen Thema recherchiert, vom Energiefresser in der Hosentasche, über den unsichtbaren SUV im Netz in Form von Video und Streaming bis hin zu Kryptowährungen. Im Schnelldurchgang gehen wir durch 55 Jahre Internetgeschichte bis in die Gegenwart, um die atemberaubende Entwicklung des Internets zum größten Stromfresser der Gegenwart zu skizzieren.

Shownotes:

Das unsichtbare Problem

Kaum jemand macht sich Gedanken darum. Man lädt einmal am Tag sein Smartphone auf – zwei Cent Strom, fertig. Was dieses Gerät hinter den Kulissen anstößt, bleibt unsichtbar. Keine rauchenden Schlote, kein Stau, kein Kassenbon. Das ist genau das Problem, das Jörg Schieb dazu gebracht hat, 140 Bücher später noch eines zu schreiben: eines über Energie.

Ich habe Jörg nach dem Beweggrund für „Energiefresser Internet" gefragt. Seine Antwort war ernüchternd ehrlich: Ob man SUV fährt, fliegt oder Fleisch isst, überall gibt es gesellschaftliche Debatten. Beim Digitalkonsum? Erstaunliche Stille. Selbst Greta Thunberg, so Jörg, hat auf drei Anfragen nicht geantwortet.

Von 9.600 Bit/s bis 4K: eine Reise in 55 Jahren

Jörg und ich sind beide Kinder der 1960er Jahre und haben das Internet von Anfang an miterlebt – wenn auch mit etwas anderen Einstiegshürden. Jörg hat sich in den 80ern per Modem in die Mailbox „The Well" in San Francisco eingewählt und die transatlantischen Telefonrechnungen selbst bezahlt. Ich kenne das Gefühl, mit BTX die einzige Telefonleitung im Haus zu blockieren.

Die Zahlen dieser Entwicklung sind absurd: Die erste Webseite von Tim Berners-Lee hatte 3 Kilobyte. Der Durchschnitt heute liegt bei 2,4 Megabyte – das 800-fache. Und die Kurve zeigt weiter nach oben.

Info
Wenn wir heute das, was wir täglich im Internet machen, zu Hause im eigenen WLAN – also ohne Rechenzentren, ohne Netzwerkknoten – selbst berechnen müssten: Jeder bräuchte einen Kernreaktor im Keller. So hat es mir Professor Lorenz Hilty mal bildlich beschrieben. Effizienzgewinne haben den Mehrverbrauch immer wieder aufgeholt – aber der Hunger wächst schneller.

Streaming: der SUV im Netz

80 Prozent des gesamten Internettraffics sind Videos – YouTube, Netflix, Werbeclips, Videokonferenzen, alles zusammen. Damit entfallen auch rund 80 Prozent des Energieaufwands aller Rechenzentren und Netzknoten auf bewegte Bilder.

Jörg hat das in seinem Buch auf eine greifbare Größe heruntergebrochen: Wie lange müsste man auf einem Ergometer strampeln, um die Energie selbst zu erzeugen? Ein durchschnittlich fitter Mensch schafft etwa 100 Watt. Eine Stunde Full-HD-Streaming verbraucht 200 bis 300 Wattstunden. Ergebnis: Wer eine Stunde Binge-Watching macht, müsste dafür drei Stunden trampeln. Bei 4K-Auflösung noch deutlich länger. Bei Standard Definition kommt man immerhin auf ein Verhältnis von fast 1:1.

Alle monatlichen E-Mails eines Durchschnittsnutzers ohne Anhänge? 20 Minuten Strampeln. Das relativiert manches – und macht anderes erst recht sichtbar.

Bitcoin und KI: die nächste Eskalationsstufe

Noch über dem Streaming-SUV steht Bitcoin. Komplette Kohlekraftwerke in den USA wurden eigens gekauft, um Server-Farmen für das Mining zu betreiben. Jörg nennt das, was es ist: absoluten Wahnsinn.

KI ist das nächste große Fragezeichen. Das Training von Modellen verschlingt enorme Mengen Energie – OpenAI zahlt laut Jörg rund eine Million Dollar Strom pro Tag, allein für den Betrieb der Infrastruktur. Die eigentliche Nutzung ist günstiger, aber der Rebound-Effekt lauert schon: Wenn KI das Erstellen von Videos so einfach macht wie heute das Tippen einer Nachricht, wird der Videotraffic nochmals explodieren.

Warum die Flatrate das größte Hindernis ist

Ich erlebe es ständig: Menschen reagieren auf das Thema mit Achselzucken. Nicht weil sie böswillig wären, sondern weil es keine direkten Kosten gibt. Strom sparen ist leicht zu motivieren, wenn die Stromrechnung steigt. Datensparen? Die Flatrate seit Anfang der 2000er Jahre macht genau das unmöglich.

Das Internet ist nicht kostenlos – wir zahlen mit Werbung, Daten und am Ende mit unserem Geld, das in die Infrastruktur eingepreist ist. Aber solange das unsichtbar bleibt, ändert sich wenig am Verhalten.

Was wirklich helfen würde: Transparenz. Jörg wünscht sich, dass Konsumenten beim Wahl des Webhosts oder Streaming-Anbieters sehen können, ob das Rechenzentrum mit grüner Energie betrieben wird. Ich arbeite daran, Webseiten eine CO₂-Bilanz zu geben – über das Datenvolumen vom Hoster. Beides geht in dieselbe Richtung.

Dein heutiger erster Schritt: Schau bei deinem Webhosting-Anbieter nach, ob er auf der Liste der Green Web Foundation steht. Falls nicht, ist das ein guter Anlass, beim nächsten Verlängerungstermin zu wechseln.