Digitalkapitalismus, Datenschutz und Nachhaltigkeit

„Nichts kostet mehr als kostenlos." Dieser Satz steht im Untertitel von Felix Sühlmann-Fauls Buch – und trifft das Wesen der Plattformökonomie präziser als jede lange Erklärung. Die Dienste sind gratis. Der Preis sind unsere Daten. Und die Kosten trägt die Umwelt.
In dieser Folge spreche ich mit Dr. Felix Sühlmann-Faul über sein Buch Der goldene Käfig des Digitalkapitalismus, über den PrivaScore als neue unabhängige Bewertungskennzahl für Datenschutz – und über die Verbindung zwischen Plattformmacht und digitaler Nachhaltigkeit.
Shownotes:
Vom Werbekaufmann zum Techniksoziologen
Felix’ beruflicher Weg ist ungewöhnlich: Er hat eine Ausbildung zum Werbekaufmann absolviert, bevor er Soziologie studierte und promovierte. Dieser Umweg hat ihm einen Blick eingebracht, der in der Nachhaltigkeitsdiskussion selten ist – das Verständnis dafür, wie Aufmerksamkeit kommerzialisiert wird und warum Plattformen so gebaut sind, wie sie es sind.
Sein erstes Buch Der blinde Fleck der Digitalisierung, gemeinsam mit Stefan Rammler, entstand 2016 aus einer Studie für den WWF Deutschland und die Robert-Bosch-Stiftung. Das Thema war damals im deutschsprachigen Raum kaum präsent. Das hat sich seither verändert – aber langsamer als nötig.
Der goldene Käfig
Das neue Buch behandelt, was zwischen den Zeilen der Nutzungsbedingungen steht: die systematische Konstruktion von Abhängigkeit. Plattformen sind darauf ausgelegt, Wechsel zu erschweren, Netzwerkeffekte auszunutzen und Nutzerinnen und Nutzer länger zu binden – nicht weil das Produkt besser wird, sondern weil das Geschäftsmodell es erfordert.
Der Zusammenhang zur digitalen Nachhaltigkeit ist direkter als er zunächst erscheint. Mehr Verweildauer auf Plattformen bedeutet mehr Datentransfer, mehr Serveranfragen, mehr Speicher für Profildaten. Und die Datenmassen, die die großen Plattformen über uns speichern, brauchen reale Infrastruktur – und echte Energie.
PrivaScore: der Nutri-Score für Datenschutz
Felix hat den PrivaScore entwickelt – eine unabhängige, transparent berechnete Kennzahl für das Datenschutzniveau von Apps und Online-Diensten. Bewusst unter Creative Commons veröffentlicht, bewusst kostenfrei: als Antithese zu Plattformen, die kostenlose Dienste anbieten und dafür einen viel höheren Preis verlangen.
Ähnlich wie Stiftung Warentest für Produkte oder der Nutri-Score für Lebensmittel soll der PrivaScore Orientierung geben – für normale Nutzerinnen und Nutzer, die nicht jede Datenschutzerklärung lesen wollen, aber dennoch informierte Entscheidungen treffen möchten.
Das Potenzial reicht weiter: Felix sieht die Möglichkeit, ökologische Faktoren in den PrivaScore zu integrieren. Green Hosting, Datensparsamkeit, Serverstandorte – eine Erweiterung, an der wir gemeinsam arbeiten könnten.
Was wir nicht sehen
Ein Gedanke aus dem Gespräch, der bleibt: Wir diskutieren über den Stromverbrauch von Streaming und Social Media – aber niemand weiß, wie viel Energie der militärische Teil des Internets verbraucht. NSA-Rechenzentren in Utah, Geheimdienst-Infrastrukturen weltweit, die in keiner offiziellen Statistik auftauchen. Das relativiert manche Debatte – und zeigt gleichzeitig, wie viel wir über die wahre Größe des digitalen Ökosystems noch nicht verstehen.