Web, But Greener! Mein nachhaltiger Monatsrückblick für Mai 2024

Das Protokoll, das das heutige Internet trägt, wird 50 – und gleichzeitig drohen KI-Rechenzentren die Klimaziele großer Tech-Konzerne zu pulverisieren. Im Mai-Rückblick gibt es außerdem einen lesenswerten Greenwashing-Guide, einen kostenlosen CO₂-Rechner für deinen digitalen Alltag und den ersten Geburtstag meines Buchs.

Es passiert jeden Monat eine Menge im Bereich der digitalen Nachhaltigkeit. Das ist mein persönlicher Rückblick auf alles Wichtige, was im Mai 2024 passiert ist, garniert mit ein paar persönlichen Gedanken und Jubiläen.

Podcast-Auftritte:

Interessante Veröffentlichungen:

Kurznachrichten:

Jubiläen:

Das Protokoll, das unser Internet trägt, wird 50

Am 19. Mai 1974 veröffentlichten Vint Cerf und Bob Kahn ein Paper mit dem nüchternen Titel „Protocol for Packet Network Intercommunications". Kein großes Aufhebens, keine Pressemitteilung – und trotzdem ist das, was sie damals beschrieben haben, heute das Fundament jeder Datenübertragung im Netz. TCP/IP. Kein HTTP, kein HTTPS, keine Cloud, kein Podcast ohne dieses 50 Jahre alte Protokoll.

Was ich im Mai gemacht habe

Auf Empfehlung von Gordon Schönwälder habe ich endlich Playlists meiner Podcast-Gastauftritte angelegt – bei Spotify und YouTube findest du inzwischen über 20 Folgen, in denen ich bei anderen zu Gast war. Thematisch sehr unterschiedlich, aber genau das macht es interessant.

Im Mai war ich außerdem bei einem Online-Vortrag der Creatives for Future Live 2024 dabei – rund 20 Leute, kleine Runde, dafür echte Diskussion. Ich habe außerdem einen Vortrag für die OMT-Jahrestagung am 27. September in Mainz eingereicht, bei der gerade noch das Online-Voting läuft. Wer mich dort sehen will: Vote gerne mit.

Ein größeres Projekt läuft im Hintergrund: Meine Website dr-beyer.de bekommt einen Relaunch mit dem statischen Website-Generator Hugo – kein WordPress mehr, keine Datenbank, stattdessen schlankes Markdown. Das Ziel: unter 500 Kilobyte pro Seite. Ein bisschen mehr als heute, aber dafür zeitgemäßer im Design.

Interessante Veröffentlichungen im Mai

Das Highlight des Monats ist für mich der Digital Greenwashing Guide von Tim Frick (MightyBytes, dem Kopf hinter Ecograder). Er rechnet darin klar ab mit irreführenden CO₂-Siegeln, unbelegten Klimaneutralitäts-Versprechen und den fragwürdigen Einzelseiten-Analysen, auf denen viele Zertifizierungen beruhen. Sehr lesenswerter Beitrag – gerade jetzt, wo EU-Green-Claims-Verordnung und ähnliche Regelungen in den USA das Thema digitales Greenwashing unter Druck setzen.

Ebenfalls empfehlenswert: Der kostenlose Online-Check „Digitaler Fußabdruck" – der Name der Domain täuscht, das Tool ist für jeden interessant. Du gibst deine Geräte, tägliche Nutzung und geplante Nutzungsdauer ein und bekommst deinen CO₂-Ausstoß zurück. Wer viel streamt oder mehrere Geräte betreibt, überschreitet locker eine Tonne CO₂ pro Jahr – nur für die digitale Nutzung.

Tipp
Teste den Digitaler-Fußabdruck-Rechner mit deinen echten Geräten und Nutzungszeiten. Das Ergebnis ist oft überraschend – und ein konkreter Startpunkt, um Prioritäten zu setzen.

Außerdem empfehle ich das Branch Online Magazine – Ausgabe 8 ist erschienen. Die Seite hat einen einzigartigen Carbon-Intensity-Schalter: Bei hohem Kohleanteil im Stromnetz blendet sie Bilder automatisch aus. Ein Konzept, das mich schon länger fasziniert. Und beide Bücher aus dem Ökom-Verlag – „Klimabewegt" und „Psychologie im Umweltschutz" – sind kostenlos als PDF verfügbar. Die Frage, wie wir mehr Menschen für das Thema gewinnen, ohne sie zu überfordern, ist auch für mich persönlich sehr relevant.

Kurznachrichten: KI frisst Klimaziele

Drei Meldungen zum Thema Energie und Rechenzentren haben mich im Mai beschäftigt:

Venezuela trennt alle Krypto-Mining-Farmen vom Stromnetz – eines der ölreichsten Länder der Welt kommt mit der Energieversorgung nicht mehr hinterher, weil Bitcoin-Mining das Netz überlastet. Eine deutliche Warnung.

Google hat für sein Rechenzentrum in Hamina (Finnland) einen Abnehmer für die Abwärme gefunden: Die Stadt mit 20.000 Einwohnern soll ab 2025 damit beheizt werden. Das ist das Modell, das wir für alle neuen Rechenzentren brauchen.

Und gleichzeitig: Eine neue Flüssigkühlung führt 1 Megawatt Wärme ab – entwickelt für KI-Rechenzentren, die mit normaler Luftkühlung längst nicht mehr auskommen. Die Rechenleistung für große KI-Modelle steigt so rasant, dass Microsoft sein Klimaneutralitätsziel für 2030 kaum noch halten kann.

Achtung
KI-Anwendungen haben einen echten CO₂-Fußabdruck. Eine einfache Faustregel: Eine Anfrage an ein großes Sprachmodell verbraucht mehrfach so viel Energie wie eine normale Websuche. Das rechtfertigt keine Askese – aber Bewusstsein.

Erfreulich dagegen: Googles Pixel 8a bekommt sieben Jahre Android-Updates bis 2031. Das ist bei Android-Geräten noch immer die Ausnahme – und genau der richtige Schritt, um Hardware länger nutzbar zu halten.

Jubiläen: Von BASIC bis zum ersten Buchgeburtstag

Vor 60 Jahren wurde BASIC vorgestellt – die erste Programmiersprache, mit der ich selbst in den 1980ern auf dem Commodore 64 in Berührung kam. Beginners All-Purpose Symbolic Instruction Code. Ob es heute noch BASIC-Programmierer gibt, weiß ich ehrlich gesagt nicht.

Vor 50 Jahren das TCP/IP-Protokoll, wie oben bereits erwähnt – das Fundament des Internets, heute so selbstverständlich, dass es kaum noch auffällt.

Vor 40 Jahren wurde Mark Zuckerberg geboren. Viertreichster Mensch der Welt laut Forbes, sieben der zehn reichsten Menschen weltweit haben irgendetwas mit Internet zu tun. Wer Algorithmen kontrolliert, kontrolliert Aufmerksamkeit – das ist der Grund, warum ich meine Inhalte lieber hier im Podcast teile als bei LinkedIn.

Und vor genau einem Jahr ist mein Buch „Nachhaltige Websites" erschienen. Es ist immer noch aktuell, immer noch erhältlich – bei Springer, als PDF, und über Bibliothekszugänge an Universitäten.

Was du heute tun kannst

Öffne den Digitalen Fußabdruck Rechner und trag deine Geräte ein. Dann schau, bei welchem Gerät oder welcher Gewohnheit du am einfachsten etwas verändern kannst – sei es die Nutzungsdauer verlängern, ein Gerät weniger anschaffen oder Streaming-Stunden reduzieren.