Green Coding für mehr digitale Nachhaltigkeit

Interview

Was hat eine Brustkrebs-Diagnose mit Softwarearchitektur zu tun? Anita Schüttler, Head of Sustainability bei neuland – Büro für Informatik, erzählt mir, wie eine Erkrankung ihren beruflichen Weg komplett verändert hat. Wir sprechen über Scope-3-Emissionen, die Grenzen der reinen CO₂-Fixierung und warum ein Tech-Historiker der Softwareindustrie vorwirft, jeden Hardware-Fortschritt sofort wieder aufzufressen.

In dieser Folge spreche ich mit Anita Schüttler, Head of Sustainability bei neuland – Büro für Informatik, über Green Coding und warum Nachhaltigkeit in der Softwareentwicklung weit über CO₂-Werte hinausgeht. Wir reden über das Greenhouse Gas Protocol, die Grenzen der CO₂-Fixierung und darüber, wie eine Krebsdiagnose ihren beruflichen Weg verändert hat.

Shownotes:

Die größte Errungenschaft der Softwareindustrie

Ich habe Anita ein provokantes Zitat vorgelegt: Die größte Errungenschaft der Softwareindustrie sei ihre kontinuierliche Vernichtung der atemberaubenden Fortschritte der Hardwareindustrie. Ihre Reaktion war eindeutig: Sie unterschreibt das sofort. Seit Jahrzehnten wird Hardware leistungsfähiger, und Software nimmt sich einfach, was verfügbar ist. Extrembeispiel: die Gaming-Branche, für die kein Gerät je stark genug ist.

Scope 3: Der blinde Fleck in jeder Klimabilanz

Bevor wir tiefer eingestiegen sind, haben wir kurz das Greenhouse Gas Protocol geklärt, weil es für das Verständnis von Unternehmensbilanzen zentral ist. Scope 1 sind eigene fossile Emissionen, Scope 2 der eingekaufte Strom, Scope 3 alles in der Lieferkette. Und genau hier wird es unangenehm für Softwarefirmen: Wenn eine Software dafür sorgt, dass Nutzende ihre Hardware ersetzen müssen, zahlt das eigentlich auf das Scope-3-Konto des Herstellers ein. Nur macht das kaum jemand freiwillig sichtbar. Anita hat mir erzählt, dass bei manchen IT-Konzernen über 99 Prozent der Emissionen im freiwilligen Scope-3-Bereich stecken. Seit letztem Jahr gilt außerdem die doppelte Berichtspflicht nach markt- und ortsbasierter Methode, was bisher unsichtbare Emissionen erstmals sichtbar macht.

Ein Beispiel, das ich nicht mehr vergesse

Anita hat eine Rechnung mitgebracht, die mir hängen geblieben ist: Eine JavaScript-Bibliothek, die auf einem Kundenshop alle fünf Minuten neu geladen wird, bei rund 190 Millionen Besuchern pro Jahr. Wenn davon nur 50 Kilobyte ungenutzt bleiben, kommt über das Jahr gerechnet eine Emissionsmenge zusammen, die einem einzigen Linienflug entspricht. Für Code, den niemand braucht.

Tipp
Prüfe die Größe Deiner geladenen JavaScript- und CSS-Dateien mit den Entwicklertools Deines Browsers. Bibliotheken wie jQuery werden oft noch aus Kompatibilitätsgründen zu uralten Browsern eingebunden, obwohl sie niemand mehr braucht, und kosten pro Seitenaufruf mehrere hundert Kilobyte.

Warum Milligramm-Angaben Unsinn sind

Ein Reizthema für mich: Tools wie Screaming Frog geben inzwischen CO₂-Werte in Milligramm mit Nachkommastellen pro Page Impression an. Das ist, frei nach Gauß, mathematischer Unfug: Wer Werte auf Nachkommastellen genau angibt, für die es gar keine verlässliche Datenbasis gibt, suggeriert eine Präzision, die es nicht gibt. Anita sieht das genauso und weitet den Blick noch: Die reine Fixierung auf CO₂ blendet aus, woher die seltenen Erden für unsere Hardware stammen, unter welchen Bedingungen sie abgebaut werden und wo der Elektroschrott am Ende landet.

Was ich aus dem Gespräch mitnehme

Am meisten hat mich Anitas persönliche Geschichte bewegt: Eine Brustkrebs-Diagnose vor fünf Jahren hat sie dazu gebracht, ihre Arbeit als Entwicklerin zu hinterfragen und sich der Nachhaltigkeit zu widmen. Ihr wichtigster Rat für Entwickler und Entwicklerinnen: Bewusstsein schaffen ist der wichtigste Schritt überhaupt, denn wer die Prinzipien einmal verstanden hat, findet von allein Stellschrauben. Schau Dir noch heute an, welche Bibliotheken auf Deiner Website tatsächlich gebraucht werden, und wirf raus, was niemandem nutzt.