Lohnt sich Green IT betriebswirtschaftlich?

Interview

Ein Euro Projektkosten für einen Euro jährliche Einsparung: Philipp Kersting rechnet vor, warum sich Green IT nach spätestens einem Jahr selbst trägt. Trotzdem passiert in den meisten Unternehmen wenig. Woran das liegt und welche zwei Hebel sofort wirken.

Die Senkung von Kosten ist ein Argument, dass beim Thema Green-IT und Green-Software zum Game-Changer neben der Bilanzierungspflicht für CO₂-Emissionen werden kann, die bald auch Unternehmen ab 250 Mitarbeiten betrifft. Wir sprechen über konkrete Erfolge, aber auch Hürden und Blockaden in Unternehmen. Und über den Blauen Engel für Software und die Gründung des Bundesverbands Green Software.

Shownotes:

Die Zahl, die alles entscheidet

Weniger als ein Euro einmalige Projektkosten für einen Euro jährliche Einsparung im laufenden Betrieb. Diese Relation nennt Philipp Kersting als Ergebnis eines Optimierungsprojekts bei einem großen deutschen Versicherer. Ein solches Projekt trägt sich nach spätestens zwölf Monaten selbst und spart danach jedes weitere Jahr Geld. Kaum eine andere Investition in der IT hat eine so kurze Amortisationszeit.

Trotzdem passiert es selten. Und das liegt selten an der Technik.

Zwei Abteilungen, ein Weg, keine Zusammenarbeit

Philipp beschreibt ein Muster, das ich in meiner Beratung genauso erlebe: Spricht er mit einem Nachhaltigkeitsverantwortlichen über Kosten, gilt er als jemand, dem die Umwelt egal ist. Spricht er mit einem IT-Controller über Emissionen, gilt er als Philanthrop. Dabei ist der Weg zum Ziel in beiden Fällen identisch: weniger Rechenkapazität, weniger Speicher, weniger Hardware.

Das eigentliche Problem liegt also nicht in der Rechnung, sondern im Silodenken. Solange Kostensenkung und Emissionsminderung als konkurrierende Projekte behandelt werden, konkurrieren sie auch um Budget. Zusammengelegt wären sie ein Selbstläufer.

Zombie-Server und Rightsizing

Zwei Hebel wirken sofort, unabhängig von der Unternehmensgröße. Der erste sind Zombie-Server: Testumgebungen, die nachts und am Wochenende durchlaufen, obwohl niemand sie nutzt. Sie kosten Geld, verbrauchen Strom und binden vor allem Hardware, die woanders arbeiten könnte. Der zweite ist Rightsizing: Server, die dauerhaft bei zwanzig oder dreißig Prozent Auslastung laufen, weil sie irgendwann großzügig dimensioniert wurden und seitdem niemand mehr hingeschaut hat.

Tipp
Schau in deiner Cloud-Konsole oder beim Hoster nach der CPU-Auslastung der letzten dreißig Tage. Alles, was dauerhaft unter dreißig Prozent liegt, ist ein Kandidat für die nächstkleinere Instanz. Und alles, was nachts läuft, ohne dass jemand darauf zugreift, gehört auf einen Zeitplan.

Was sich seit dem Erscheinen geändert hat

Als wir das Gespräch geführt haben, war die Bilanzierungspflicht der große Hoffnungsträger. Bald schon ab 250 Mitarbeitenden, hieß es damals. Daraus ist nichts geworden: Mit der Omnibus-Richtlinie gilt die CSRD seit 2026 nur noch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und über 450 Millionen Euro Umsatz. Der regulatorische Druck auf den Mittelstand ist damit weitgehend verschwunden.

Das Kostenargument nicht. Und genau darin liegt die Pointe dieser Folge: Wer Green IT nur betrieben hat, weil ein Bericht es verlangt, hat jetzt einen Grund weniger. Wer sie betreibt, weil sie sich rechnet, hat exakt dieselben Gründe wie vorher.

Beim Blauen Engel ist die Entwicklung dagegen wie erhofft gelaufen. Das Siegel für Software gibt es inzwischen auch für serverbasierte und Cloud-Anwendungen. Nextcloud wurde im Juni 2025 als erste Cloud-Software überhaupt ausgezeichnet. Philipp hat die ersten Audits dieser Art selbst durchgeführt.

Blech dazustellen ist keine Lösung

Der Satz, der mir aus diesem Gespräch geblieben ist, beschreibt die Standardreaktion vieler IT-Abteilungen auf schlechte Performance: Stell Blech dazu. Zu langsame Antwortzeiten? Mehr Kerne. Zu lange Nachtverarbeitung? Mehr Server. Es ist der schnellere Weg und auf den ersten Blick sogar der günstigere. Auf die Betriebsdauer gerechnet ist er es nie.

Die günstigste Rechenkapazität ist die, die gar nicht erst gebucht wird. Und die sauberste ist es auch.