Web, But Greener! Mein nachhaltiger Monatsrückblick für September 2024

Meta hat in seinem Nachhaltigkeitsbericht 273 Tonnen CO₂ ausgewiesen – tatsächlich waren es 3,8 Millionen. Ein Faktor 19.000. Das ist kein Rechenfehler, das ist Greenwashing mit Zertifikaten. Im September-Rückblick: OMT-Auftritt vor dem größten Publikum bisher, Besuch im Hetzner-Rechenzentrum und warum ChatGPT für eine 100-Wort-Mail so viel Strom braucht wie 14 LED-Lampen eine Stunde lang.

Es passiert jeden Monat eine Menge im Bereich der digitalen Nachhaltigkeit. Das ist mein persönlicher Rückblick auf alles Wichtige, was im September 2024 passiert ist, garniert mit ein paar persönlichen Gedanken und Jubiläen. In diesem Monat unter anderem mit einem Gastartikel zum “Digitalen Datenputz” von mir, einer umfangreichen Studie zu Digitalisierung und natürlichen Ressourcen und einem Windows-Jubiläum.

Shownotes: Persönlich:

Interessante Links:

Kurznachrichten:

Jubiläen:

273 Tonnen oder 3,8 Millionen? Metas Nachhaltigkeitsbericht im Faktencheck

In Metas Nachhaltigkeitsbericht 2022 steht: 273 Tonnen CO₂-Äquivalente. Die tatsächliche Zahl? 3,8 Millionen Tonnen – also 19.000-mal mehr. Der Rest wurde über Stromzertifikate ausgeglichen und taucht in der offiziellen Bilanz schlicht nicht auf. Das ist kein Meta-spezifisches Problem. Google, Microsoft, Amazon – alle arbeiten mit demselben System. Solange Kompensation genauso zählt wie echte Vermeidung, lassen sich Nachhaltigkeitsberichte beliebig schönrechnen.

Was ich im September erlebt habe

Der September war voll. Im Podcast gab es drei Folgen: ein Interview mit Nicole Wolf über digitale Suffizienz, eine Episode über Datenformate für den digitalen Friedhof und einen weiteren Seitentest in der CO2-Doc-Rubrik – diesmal Bing.de unter der Lupe.

Mein persönliches Highlight war die OMT-Konferenz am 27. September in Mainz. So viele Leute haben mir noch nie zugehört. In der Website-Klinik hatte ich acht Minuten, um der OMT-Website aus Nachhaltigkeitsperspektive zu begegnen – mit Stethoskop als CO2-Doc auf der Bühne. Davor war ich beim OMT-Clubtreffen in Frankfurt und auf der Bits und Bäume Saar in Saarbrücken – der ersten regionalen Ausgabe dieser Konferenz in meiner Heimat.

Ein weiteres Highlight: der Besuch im Hetzner-Rechenzentrum in Falkenstein, auf dem Rückweg von einer Dienstreise nach Dresden. Ein ganzer Tag in einem der nachhaltigsten Rechenzentren Deutschlands – fotografieren durfte ich nicht, aber eine eigene Podcast-Folge dazu kommt in Kürze.

Und dann noch zwei Pressehighlights: die Brücker Zeitung hat mich im Rahmen der Bits-und-Bäume-Konferenz als Internet-Experten aus Losheim interviewt – Lokalfarbe, die Aufmerksamkeit bringt. Und die Deutsche Presseagentur hat mich ebenfalls befragt. Was der Redakteur daraus macht, berichte ich im nächsten Rückblick.

Carbon Aware Website ist ein schönes Praxisbeispiel: Die Seite passt ihre Darstellung je nach aktuellem CO₂-Intensität des Stroms am Standort des Besuchers an. Wer aus Island zugreift, sieht mehr – wer aus Deutschland kommt, weniger. Das Konzept lässt sich auf eigene Websites übertragen.

Auf GitHub hat jemand die 10 besten Tools für grünere Software zusammengestellt – durchweg kostenlos, durchweg relevant für Entwickler, die den Stromverbrauch ihres Codes messen wollen.

Die Broschüre des Umweltbundesamts zu Digitalisierung und natürlichen Ressourcen ist über 200 Seiten lang und damit keine schnelle Lektüre – aber eine der gründlichsten deutschsprachigen Quellen zu den Schattenseiten der Digitalisierung inklusive Ressourcenverbrauch, seltenen Erden und Langfristprognosen bis 2050. Es gibt auch eine Kurzfassung.

Kurznachrichten: Greenwashing, ChatGPT-Strom und digitale Beipackzettel

Die Green Web Foundation hat ihre Kriterien für Green-Hosting-Zertifizierung überarbeitet: Reine Kompensation gilt jetzt nicht mehr gleichwertig wie echter Ökostrom. Das ist ein wichtiger Schritt. Wer sich als „grün gehostet" bezeichnen will, muss künftig mehr nachweisen als nur CO₂-Zertifikate.

Achtung
Prüfe, wie dein Hoster sein „grünes Hosting" begründet. Pauschalaussagen ohne Belege sind ein Warnsignal. Die aktualisierte Datenbank der Green Web Foundation hilft bei der Einordnung.

Zum Greenwashing-Thema: Die Meta-Zahlen oben sind kein Einzelfall. Der T3N-Artikel zeigt, dass Tech-Konzerne generell stark auf Kompensation setzen und ihre Realemissionen dadurch massiv kleinrechnen. Lohnt sich, genauer hinzusehen.

ChatGPT verbraucht für das Schreiben einer 100-Wort-E-Mail 0,14 Kilowattstunden Strom – genug, um 14 LED-Lampen eine Stunde lang zu betreiben. Klingt wenig. Aber multipliziert mit Milliarden Anfragen täglich wächst das schnell auf Kernkraftwerks-Dimensionen. OpenAI hat laut aktuellen Berichten für ein einziges geplantes Rechenzentrum den Bedarf von fünf Kraftwerken angemeldet.

Und aus der Kategorie „positiv, aber mit Einschränkungen": Eine chinesische Studie zeigt, dass Rechenzentren durch freie Kühlung, Abwärmenutzung und erneuerbare Energien den Kühlungsstromverbrauch um bis zu 45 Prozent und die CO₂-Emissionen um bis zu 90 Prozent senken können. Die Technik ist da – die Frage ist, ob und wo sie gebaut wird.

Tipp
Nutze KI-Tools bewusst. Für einfache Textaufgaben reicht oft ein kleineres, lokales Modell statt eines großen Cloud-Dienstes. Und: Formuliere Anfragen präzise – weniger Rückfragen bedeuten weniger Rechenaufwand.

Windows wird 10 – und der Podcast auch

Am 30. September 2014 kündigte Microsoft Windows 10 an. Heute ist das Betriebssystem nach wie vor am weitesten verbreitet – obwohl der Support 2025 eingestellt wird. Das zwingt Millionen von Nutzern zum Hardwarekauf, weil ältere Rechner Windows 11 nicht unterstützen. Aus meiner Sicht gehören diese erzwungenen Neuanschaffungen in die Klimabilanz von Microsoft – Scope 3, Nutzungsphase. Wer das konsequent zu Ende denkt, kommt auf sehr unbequeme Zahlen.

Ebenfalls am 30. September, ebenfalls seit genau zehn Jahren: der International Podcast Day. Für mich als Podcaster natürlich ein willkommener Anlass – zumal Folge 50 näher rückt. Wer mich für diese Jubiläumsfolge interviewen möchte, darf sich gerne melden.

Was du heute tun kannst

Schau dir den Nachhaltigkeitsbericht deines Hosters oder eines Tech-Anbieters an, den du regelmäßig nutzt. Suche nach dem Wort „Kompensation" oder „Carbon Credits". Wenn das die Hauptbegründung für Klimaneutralität ist – hinterfrage es.