Diese Website läuft auf einem Server in Nürnberg, betrieben mit Strom aus Wasserkraft. Ich könnte jetzt ein grünes Siegel in den Footer setzen und die Sache für erledigt erklären. Nur wäre das die halbe Wahrheit, genauer gesagt etwa ein Drittel davon. Denn der Server ist nur das erste Glied einer Kette, und über die beiden anderen sagt grüner Strom im Rechenzentrum nichts aus.
Die sechs Erfolgskriterien von Guideline 4.1
Anbieterauswahl: Beziehe Nachhaltigkeitskennzahlen ein, wenn Du Infrastruktur, Hosting, Cloud, Plattformen, extern verwaltete Inhalte oder andere digitale Dienste auswählst und bewertest. Bevorzuge Anbieter, die ihre Umweltpolitik und die zugehörigen Leistungskennzahlen öffentlich und transparent offenlegen, darunter Power Usage Effectiveness, Water Usage Effectiveness, Carbon Usage Effectiveness, den Anteil erneuerbarer Energien, Verpflichtungen zur Emissionsminderung sowie Praktiken zu Wartung und Beschaffung von Hardware.
Effizienter Betrieb: Überwache und verringere die negativen Umweltwirkungen der gesamten laufenden Infrastruktur im Zeitverlauf. Erfasse alle verfügbaren relevanten Kennzahlen, ob extern oder selbst gehostet, etwa Energieverbrauch, Wasserverbrauch und die Auslastung der Serverressourcen. Dazu zählen Prozessorkerne, Arbeitsspeicher, Speicherplatz und Netzwerknutzung. Nutze diese Informationen, um Ineffizienzen zu erkennen, Überdimensionierung zu verringern, den Ressourceneinsatz zu optimieren und eine transparente Nachhaltigkeitsberichterstattung zu unterstützen.
Langlebigkeit der Geräte: Verlängere die Lebensdauer von Hardware. Nutze Geräte effizient und in der passenden Dimensionierung und halte sie sicher gepatcht und ordentlich gewartet. Neue Hardware sollte von Lieferanten stammen, die sich zu Langlebigkeit, Aktualisierungen und Reparaturmöglichkeiten verpflichten.
Strom mit geringer CO₂-Intensität: Nutze Strom mit der geringstmöglichen CO₂-Intensität. Hosting-Anbieter sollten die CO₂-Intensität anhand verfügbarer standortbezogener Netzdaten messen und berichten, einschließlich eigener Erzeugung, Notstromsystemen und Speichern. Nutze diese Informationen, um Anbieter mit geringeren Emissionen auszuwählen und die Energiebeschaffung sowie die Effizienz der Infrastruktur zu verbessern.
Verbleibende Emissionen: Verringere verbleibende Emissionen mithilfe marktbasierter Bilanzierung für indirekte Stromemissionen nach dem Greenhouse-Gas-Protokoll (Scope 2). Wenn Du emissionsarmen Strom über Herkunftsnachweise oder Zertifikate für erneuerbare Energien beziehst, stelle sicher, dass die Nachweise zeitlich und örtlich zum verbrauchten Strom passen, dass erkennbar ist, wann der erneuerbare Strom erzeugt wurde, und dass sie gültig ausgestellt und so entwertet werden, dass Doppelzählungen ausgeschlossen sind.
Domainnamen: Prüfe, ob Registrierungsstellen und Registrare die Umweltwirkung der Domainregistrierung offenlegen. Wo Umweltdaten von Registraren verfügbar sind, nutze sie für Registrierungsentscheidungen und verringere damit die Umweltwirkung. Wo solche Daten fehlen, schätze die vermutete Umweltwirkung bei der Registrierung ein und triff nach Möglichkeit nachhaltigkeitsorientierte Entscheidungen.
Meine Einordnung
Das erste und das vierte Kriterium gehören zusammen und sind der Teil, den Du am direktesten beeinflusst: Du wählst den Anbieter. Bei mir ist das Hetzner, mit Strom aus Wasserkraft und einem Serverstandort in Deutschland. Der Standort ist dabei kein Detail, sondern steckt ausdrücklich im vierten Kriterium: Die CO₂-Intensität wird standortbezogen gemessen, denn ein Rechenzentrum hängt am Netz seiner Region. Derselbe Server erzeugt in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Emissionen, ohne dass sich an der Hardware irgendetwas ändert.
Genauso wichtig, aber weniger beachtet: Was Du einbindest, hostest Du mit. Eine Website ist immer nur so grün wie ihr schwächster eingebundener Dienst. Bei mir kommt von außen praktisch nichts hinzu, mit einer Ausnahme, dem Podcast-Feed von Podigee, und der wird ebenfalls grün betrieben. Das ist keine Nebensächlichkeit: Wer ein Video von einer beliebigen Plattform einbettet, verlagert einen erheblichen Teil des Datenverkehrs auf fremde Infrastruktur, über die er keine Aussage treffen kann.
Beim zweiten und dritten Kriterium wird es unbequem, weil Du dort wenig Kontrolle hast. Interessant ist aber ein Punkt, der dem Reflex vieler Betreiber widerspricht: Ein eigener Server, der zu fünf Prozent ausgelastet vor sich hin läuft, ist ökologisch die schlechtere Wahl als ein geteiltes, gut ausgelastetes System. Genau das meint Überdimensionierung im zweiten Kriterium. Größer ist hier nicht sicherer, sondern verschwenderisch.
Wo ich weiter gehe
Und jetzt zu dem Punkt, an dem ich der üblichen Erzählung widerspreche. Grünes Hosting ist die beliebteste Nachhaltigkeitsmaßnahme im Web, weil sie einmalig ist, sofort wirkt und sich hervorragend kommunizieren lässt. Ein Anbieterwechsel, ein Siegel, fertig. Nur ist sie nicht die wirksamste.
Denn die Kette hat drei Glieder: Rechenzentrum, Netz und Endgerät. Grüner Strom deckt das erste ab. Über das zweite, die Leitungswege, Vermittlungsstellen und Mobilfunkmasten zwischen meinem Server und Deinem Bildschirm, sagt er nichts, und diese Infrastruktur läuft ganz sicher nicht durchgängig auf Wasserkraft. Und das dritte Glied ist inzwischen das größte: Über die Hälfte der Emissionen des Internets steckt heute nicht in Rechenzentren, sondern in den Milliarden Endgeräten weltweit, beim Smartphone überwiegend schon in der Herstellung.
Daraus folgt für mich eine klare Rangfolge. Grüner Strom ändert, womit gerechnet wird. Weniger Daten ändern, wie viel gerechnet wird, und zwar auf allen drei Gliedern gleichzeitig. Deshalb steht bei mir die Datenmenge vor der Stromherkunft, auch wenn sich Letztere besser verkaufen lässt.
Genau aus diesem Grund gleiche ich für meine Firma zusätzlich zwei Tonnen CO₂ über ForTomorrow aus. Nicht weil ich mich damit freikaufe, sondern weil ich weiß, dass der Weg der Daten zu den Empfängern eben nicht grün ist. Der Ausgleich steht am Ende, nach der Reduktion, und niemals an ihrer Stelle.
Dein erster Schritt heute
Bevor Du über einen Wechsel nachdenkst, prüfe den Ist-Zustand. Das dauert eine Minute.
Findest Du dort einen Dienst, der weder grün betrieben wird noch unverzichtbar ist, hast Du gleich zwei Hebel auf einmal: eine sauberere Bilanz und weniger übertragene Daten.
Grüner Strom ändert, womit gerechnet wird. Sparsame Daten ändern, wie viel gerechnet wird, und das auf jedem Meter der Strecke.
Quelle: W3C-Fassung von Guideline 4.1
