Green Hosting: Ab Oktober zählen Nachweise statt Berichte

Kompensationszertifikate zählen ab dem 1. Oktober 2026 nicht mehr als Beleg für grünes Hosting. Kein Übergangsmodell, keine Teilanrechnung, sondern schlicht Schluss. Die Green Web Foundation ersetzt zu diesem Datum ihre Prüfkriterien von 2019, und es ist die größte Änderung seit dem Start des Verzeichnisses vor zwanzig Jahren. Ich halte sie für längst überfällig.

Vier Änderungen, die es in sich haben

Erstens reichen Nachhaltigkeitsberichte nicht mehr aus. Wer 100 Prozent fossilfreie Energie behauptet, muss künftig die Dokumente liefern, die dahinterstehen: Stromlieferverträge, Herkunftsnachweise oder Energy Attribution Certificates. Ein Satz im Geschäftsbericht ohne unabhängige Prüfbestätigung genügt nicht länger.

Zweitens fallen Offsets komplett raus. Die Begründung der Stiftung finde ich bemerkenswert klar: Es gehe darum, die eingesetzte Energie zu verändern, nicht darum, den Schaden nachträglich zu verrechnen. Auch das Greenhouse Gas Protocol akzeptiert Kompensation an dieser Stelle nicht.

Drittens müssen Nachweise regional passen. Bislang konnte norwegischer Windstrom als Beleg für ein Rechenzentrum in Singapur dienen, obwohl es keine physische Verbindung gibt. Künftig gilt: gleicher Markt oder nachvollziehbarer Lieferweg. Dazu kommen die Anforderungen zeitnah, exklusiv und mindestens jahresgenau, mit dem erklärten Ziel, ab etwa 2028 auf stundengenaue Zuordnung umzustellen.

Viertens müssen Anbieter in Regionen mit ohnehin sauberem Netz belegen, dass die passenden Zertifikate tatsächlich stillgelegt wurden. Der Anlass dafür ist konkret: In Island wurde derselbe grüne Strom zweimal verkauft, einmal physisch vor Ort und einmal als Zertifikat ins Ausland.

Info
Die Kriterien orientieren sich an etablierten Standards: RE100 und der Technical Standard der 24-7 Carbon-Free Coalition. Die Green Web Foundation erfindet also nichts Eigenes, sondern zieht das Niveau auf das an, was in der Energiebranche längst Konsens ist.

Warum weniger grüne Hoster ein Fortschritt sind

Die Zahl der verifizierten Anbieter wird sinken. Genau darin liegt der Wert. Ein Siegel, das praktisch jeder erhält, der ein Formular ausfüllt, hat keinen Informationsgehalt. Erst wenn Nachweise verlangt werden, die man nicht einfach zukaufen kann, trennt sich reale Beschaffung von guter Absicht.

Dass es der Stiftung ernst ist, zeigt die laufende Prüfrunde nach den alten Kriterien: Von 150 angeschriebenen Anbietern haben 67 nicht reagiert und sind seit dem 27. Juli archiviert. Ihre Kunden erscheinen im Green Web Check nicht mehr als grün. Bestehende Einträge müssen die neuen Anforderungen erst bei der Jahresprüfung 2027 erfüllen, aber wer jetzt nicht anfängt, Belege zu sammeln, wird sie dann nicht haben.

Tipp
Prüf Deine Domain im Green Web Check und frag Deinen Hoster, wie er sich auf die neuen Kriterien vorbereitet. Die Antwort verrät Dir mehr über seine Energiebeschaffung als jede Landingpage mit Blattsymbol.

Eines ändert sich dadurch trotzdem nicht: Grüner Strom senkt nicht die Datenmenge, die Du überträgst. Green Hosting ist der letzte Schritt einer Optimierung, nicht der erste. Aber wenn dieser letzte Schritt schon gegangen wird, dann bitte so, dass er nachprüfbar ist.

Ab Oktober gilt im Verzeichnis der Green Web Foundation ein einfacher Grundsatz: Nicht wer grün sagt, kommt hinein, sondern wer die Rechnung dazu vorlegen kann.

Quellen: A summary of the upcoming changes to our verification criteria und An update on our June 2026 provider reverification, Green Web Foundation, Juli 2026