Digitale Suffizienz für mehr Nachhaltigkeit

Interview

Suffizienz gilt oft als Synonym für Verzicht - dabei geht es um das genaue Gegenteil. Im Gespräch mit Nicole Wolf geht es um vier Ebenen digitaler Suffizienz, ein vergiftetes Datengeschenk der Telekom und die Frage, warum reine Effizienz allein nie zu weniger Verbrauch führt.

Webseiten werden immer schwerer, Hardware hat immer mehr Funktionen, der Druck für ständige Neuanschaffungen bleibt hoch. Digitale Suffizienz ist ein Gegentrend und ein alternatives Mindset, um diese Spirale zu durchbrechen. Zwei „Suffizienz-Exoten“ sprechen über die verschiedenen Arten, die vielen Hürden und Probleme in der Umsetzung, aber auch über die unbestrittenen Vorteile.

Shownotes:

Vier Ebenen statt einer Regel

Wer sein Smartphone alle vier statt alle zwei Jahre ersetzt, spart über acht Jahre zwei komplette Gerätegenerationen ein. Trotzdem bleibt der Zwei-Jahres-Rhythmus für die meisten die Norm. Genau um diese Lücke zwischen offensichtlichem Nutzen und tatsächlichem Verhalten ging es im Gespräch mit meinem Gast Nicole Wolf, Speaker und Consultant für nachhaltige digitale Lösungen. Suffizienz bedeutet dabei nicht Verzicht, sondern, wie Nicole es formuliert, so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig. Wichtig ist die Differenzierung: Es gibt Hardware-Suffizienz, Software-Suffizienz, Nutzungssuffizienz und die ökonomische Suffizienz auf Unternehmensebene. Als Ordnungsrahmen bringt Nicole die vier Es ins Spiel: Entrümpelung, Entschleunigung, Entkonventionalisierung und Entflechtung - vier Ansatzpunkte für dasselbe Ziel, nämlich Klarheit und Freiraum statt digitaler Überladung.

Das vergiftete Geschenk

Am konkretesten wird das Prinzip an dem Anlass, der zu dieser Folge geführt hat: Die Telekom verschenkte am Erdüberlastungstag 10 Gigabyte zusätzliches Datenvolumen, eine Geste, über die sich die meisten einfach gefreut haben. Nicole hat den Haken sofort erkannt: Flatrates und geschenktes Volumen untergraben genau das Nachdenken, das Suffizienz braucht. Wer unbegrenzt Ressourcen zur Verfügung hat, macht sich keine Gedanken mehr darüber, ob er sie tatsächlich braucht. Dasselbe Muster zeigt sich bei Hardware: Der Zwei-Jahres-Rhythmus vieler Mobilfunkverträge koppelt Vertrag und Neugerät und erzeugt einen Austausch-Takt, der mit dem tatsächlichen Bedarf wenig zu tun hat.

Tipp
Ein einfacher Hebel aus dem Gespräch: Handyvertrag und Gerätekauf entkoppeln. Wer beides trennt, verliert den automatischen Anreiz zum Neukauf alle zwei Jahre - ein Schritt, der laut Nicole Wolf schon für sich genommen viel bewirkt.

Der blinde Fleck: Warum Effizienz allein nicht reicht

Der Punkt, der mich am meisten zum Nachdenken gebracht hat, kam gegen Ende des Gesprächs: Reine Effizienzgewinne haben in der Geschichte fast nie zu weniger Verbrauch geführt, sondern zu mehr - der klassische Rebound-Effekt. Autos wurden sparsamer, aber größer und mehr gefahren. Smartphones wurden kleiner, dann wieder größer, weil mehr Funktionen reinpassen mussten. Genau dieser Mechanismus bedroht auch die digitale Suffizienz: Effizientere Server, schnellere Netze und günstigerer Speicher machen es leichter, noch mehr Daten zu bewegen, nicht automatisch weniger. Das deckt sich mit einer Beobachtung, die mir in der Beratung immer wieder begegnet: Unternehmen optimieren Software oder Hardware und wundern sich dann, dass der Gesamtverbrauch trotzdem steigt, weil die frei gewordenen Kapazitäten sofort neue Funktionen füllen. Suffizienz ist deshalb kein Nebeneffekt von Effizienz, sondern eine eigene Entscheidung, die man aktiv treffen muss, als Einzelperson genauso wie als Unternehmen.

Info
Auch Rechenzentren gehören zur Hardware-Frage: Die Cloud ist keine abstrakte Größe, sondern Server und Netzwerktechnik, die genauso Ressourcen verbraucht wie das Smartphone in der Hand.

Die konkrete Handlung für heute: einmal den eigenen Cloud-Speicher, das Postfach oder den Downloadordner entrümpeln, so wie man es im Keller schon lange nicht mehr getan hat - der erste Schritt kostet nichts und zeigt sofort, wie viel Digitales sich ungenutzt ansammelt. Suffizienz beginnt nicht beim Verzicht, sondern bei der Frage, was wir eigentlich schon längst nicht mehr brauchen.