Wer ein Radioprogramm von UKW auf DAB+ umstellt, spart zwischen 70 und 90 Prozent der Sendeenergie für dieses Programm. Diese Zahl steht seit 2021 im Raum. Deutschland hat davon bis heute fast nichts realisiert. Nicht, weil die Technik nicht funktioniert, sondern weil beide Netze gleichzeitig laufen.
Der Grund für die Einsparung ist derselbe wie beim Satellitenfernsehen: geteilte Infrastruktur. Bei UKW braucht jedes Programm seine eigene Frequenz, seinen eigenen Sender, seine eigene Endstufe. Bei DAB+ teilen sich mehrere Programme einen einzigen Multiplex, also einen gemeinsamen Datenstrom auf einer Frequenz. Der erste bundesweite Multiplex transportiert derzeit 13 Programme über 193 Senderstandorte. Die Sendeleistung verteilt sich damit auf viele Schultern statt auf eine.
Die green-radio-Studie von BLM und Bayerischem Rundfunk hat das durchgerechnet. Der Bayerische Rundfunk käme bei reiner DAB+-Verbreitung auf rund 75 Prozent Einsparung pro Programm, Antenne Bayern auf 85, Deutschlandradio auf 70. Für Klassik Radio im Gebiet Hamburg und Schleswig-Holstein wären es sogar über 90 Prozent.
Der Konjunktiv ist das Problem
Alle diese Werte gelten für den Fall einer ausschließlichen Verbreitung über DAB+. Und genau die gibt es in Deutschland fast nirgends. Die meisten Anbieter senden seit Jahren über beide Wege gleichzeitig. Fachsprachlich heißt dieser Parallelbetrieb Simulcast, und er kehrt die Rechnung um: Das neue, sparsame Netz kommt zum alten hinzu, statt es zu ersetzen. In der Summe steigt der Energiebedarf, statt zu sinken.
Damit haben wir eine Effizienztechnik, die so lange nichts einspart, wie die Umstellung nicht abgeschlossen ist. Der Gewinn entsteht nicht beim Aufbau des neuen Netzes. Er entsteht in dem Moment, in dem der alte Sender ausgeschaltet wird. Und genau dieser Moment wird seit Jahren vertagt. Ein bundesweites Abschaltdatum für UKW gibt es bis heute nicht.
Schleswig-Holstein ist die Ausnahme. Als erstes Bundesland hat es sich mit Landesregierung, Medienanstalt und Sendern auf einen Stufenplan geeinigt: Umstellung ab 2025, Ende des Simulcast bis Mitte 2031. Radio BOB, delta radio, Antenne Sylt und die Deutschlandradio-Programme haben ihre landesweite UKW-Verbreitung bereits eingestellt, und Ende Juni 2026 hat Deutschlandradio weitere kleine UKW-Sender abgeschaltet. Der letzte verbleibende UKW-Nutzer wäre 2031 der Privatsender R.SH, dessen Frequenzlizenz dann ausläuft.
Was gegen ein schnelles Ende spricht
An dieser Stelle wird es unbequem, und ich halte es für wichtig, das auszusprechen. Denn die Sache ist weniger eindeutig, als die Prozentzahlen nahelegen.
Erstens die Geräte. In Deutschland stehen rund 122 Millionen UKW-Radios. Ein Abschalttermin macht einen erheblichen Teil davon für den Antennenempfang unbrauchbar. Küchen-, Bad- und Kofferradios lassen sich meist nicht nachrüsten. Eine ehrliche Ökobilanz muss die Herstellung der Ersatzgeräte gegenrechnen, nicht nur den gesparten Sendestrom. Kurios am Rande: Ein DAB+-Empfangschip verbraucht im Betrieb sogar etwas mehr als ein reiner UKW-Chip. Dass moderne Radios trotzdem sparsamer sind, liegt an besseren Netzteilen und Endstufen, nicht am Übertragungsstandard.
Zweitens die Quellenlage. An der green-radio-Studie waren neben BLM und BR auch Media Broadcast und TechniSat beteiligt, also ein Netzbetreiber und ein Radiohersteller. Das macht die Messungen nicht falsch, aber es sind keine unbeteiligten Dritten. Bezeichnend ist, dass Deutschlandradio den eigenen Vorteil deutlich nüchterner beziffert: Die Verbreitung über DAB+ sei rund ein Drittel wirtschaftlicher als über UKW. Zwischen „ein Drittel“ und „90 Prozent“ liegt viel Interpretationsspielraum.
Drittens das Empfangsverhalten. UKW verrauscht bei schwachem Signal allmählich und bleibt notdürftig hörbar. DAB+ bleibt stabil und bricht unterhalb einer Schwelle abrupt ab. Für Warn- und Krisenkommunikation ist dieser Unterschied kein Detail.
Simulcast gibt es auch auf Deiner Website
Und damit sind wir bei einem Muster, das im Web die Regel ist, nicht die Ausnahme. Wir bauen ständig das Neue auf und lassen das Alte danebenher weiterlaufen.
Bilder werden in JPEG und WebP und AVIF vorgehalten, obwohl längst jeder relevante Browser das modernste Format beherrscht. Nach dem Relaunch läuft die alte Seite noch monatelang unter einer zweiten Adresse, „sicherheitshalber“. Altes CSS und JavaScript bleibt liegen, weil vielleicht noch irgendetwas davon gebraucht wird. Polyfills bedienen Browser, die niemand mehr benutzt. Zwei Analysewerkzeuge laufen parallel, weil man die Vergleichsdaten nicht verlieren will.
Jeder dieser Fälle ist ein Simulcast im Kleinen. Und in jedem gilt dieselbe Rechnung wie beim Radio: Der Zwischenzustand kostet mehr als beide Endzustände zusammen. Eine Migration, die nicht abgeschlossen wird, ist keine halbe Verbesserung. Sie ist eine Verschlechterung.
Der Umstieg auf DAB+ zeigt in aller Deutlichkeit, was Effizienzversprechen wert sind, solange sie nicht zu Ende gegangen werden. Eine sparsamere Technik spart nichts, solange die alte danebenher läuft. Der Gewinn liegt nicht im Einschalten des Neuen, sondern im Abschalten des Alten.
Quellen: BLM und BR: green-radio-Studie zum Energieverbrauch bei UKW und DAB+ · heise: UKW-Radio - Schleswig-Holstein schaltet 2031 ab
