Ein Datenkonzern will künftig wissen, wann Dein Kind Schwimmunterricht hat, was es heute Abend zu essen gibt und welche Fahrtzeit zwischen Kita und Tierarzt realistisch ist – und all das soll dauerhaft gespeichert bleiben, „damit CC das nächste Mal noch hilfreicher“ wird. Google baut seinen experimentellen KI-Agenten CC gerade genau dafür um: Aus einem persönlichen Assistenten wird ein Agent für die ganze Familie, der in den USA für bis zu sechs Erwachsene gleichzeitig den Alltag plant.
Was CC über Deine Familie wissen soll
Damit CC funktioniert, braucht er laufend Zugriff auf Gmail, Google Chat, Docs und Calendar, dazu weitergeleitete E-Mails, geteilte Fotos, SMS und freigegebene Drive-Ordner. Google nennt als Beispiel selbst E-Mails der Schule, vom Schwimmbad oder vom Tierarzt. Aus diesem Datenfundus generiert CC morgens automatisch einen Tagesplan pro Familienmitglied, bespielt Kalender und Aufgabenlisten, füllt Schulformulare aus und erstellt Einkaufslisten samt Wochen-Speiseplan, inklusive geschätzter Fahrtzeiten zwischen den Terminen. Fehlen Informationen, fragt CC gezielt nach. Bemerkenswert finde ich, dass Google dabei sogar zwischen Daten für die ganze Familie – etwa Einkaufslisten oder Lieblingsrestaurants – und individuellen Daten wie Ernährungsvorlieben oder Zeitzone unterscheiden will. Technisch ist das ambitioniert. Skurril ist, dass trotzdem alle Familienmitglieder mindestens 18 Jahre alt sein müssen, ausgerechnet ein Tool, das mit Schulformularen und Kita-Terminen wirbt.
Freiwillige Überwachung im eigenen Wohnzimmer
Was auf den ersten Blick nach Entlastung klingt, ist für mich auf den zweiten Blick vor allem eines: die freiwillige Zentralisierung des gesamten Familienlebens bei einem einzigen Werbekonzern. Wer CC laufend füttert, gibt nicht nur einzelne Informationen preis, sondern ein vollständiges Bewegungs-, Beziehungs- und Gewohnheitsprofil der ganzen Familie ab, aktuell gehalten, weil man selbst ein Interesse daran hat, dass der Assistent gut funktioniert. In meiner Beratung erlebe ich, wie schwer sich Menschen schon bei einzelnen Apps mit Standortfreigabe tun. Ein Agent, der Kalender, Mail, Chat und Drive gleichzeitig liest, geht deutlich weiter als jede einzelne dieser Freigaben für sich. Das ist keine Überwachung, die einem übergestülpt wird – man richtet sie sich selbst ein und bestätigt jeden Zugriff per Klick.
Die Emissionsseite, über die niemand spricht
Zur Energiebilanz sagt Google in der ganzen Ankündigung kein Wort, und aus meiner Sicht ist genau das der blinde Fleck. CC soll nicht einmal am Tag antworten, sondern kontinuierlich im Hintergrund Mails, Kalender, Fotos und Dokumente von potenziell Millionen Haushalten gleichzeitig auswerten und daraus laufend neue Pläne erzeugen – dauerhafte KI-Inferenz statt einer einzelnen Anfrage. Dazu kommt der Speicher: Weil laut Google alle Daten auf Dauer erhalten bleiben, wächst der Datenbestand pro Familie Jahr für Jahr weiter, ohne dass je etwas gelöscht wird. Wie viel CO₂ diese Kombination aus permanenter Inferenz und wachsendem Speicher am Ende kostet, kann ich ohne Herstellerangaben nicht seriös beziffern, das wäre reine Spekulation. Aber wer ein Feature launcht, das Millionen Familien täglich neu durchrechnen lässt, sollte dafür eine Zahl liefern können, statt eine Blackbox.
Die Fragen, die Google nicht beantwortet
Die heise-Meldung wirft genau die Punkte auf, die mich am meisten interessieren, und Google beantwortet sie bislang nicht: Wo werden diese hochsensiblen Familiendaten gespeichert, wie lange genau, und nach welchen Kriterien werden sie irgendwann gelöscht? „Auf Dauer gespeichert“ ist keine Antwort, sondern eine Ansage. Dazu kommt das Geschäftsmodell im Hintergrund: Ein Konzern, der mit Werbung Geld verdient, verwaltet künftig Ernährungsvorlieben, Kalendertermine und Kaufabsichten einer ganzen Familie. Dass aus diesem Datenschatz irgendwann noch gezieltere Werbung oder Kaufempfehlungen entstehen, wäre keine Überraschung, sondern die naheliegendste Verwertung.
Ich bin nicht per se gegen KI-Unterstützung im Alltag, aber die Frage ist nicht, ob CC praktisch ist, sondern ob wir wirklich unser gesamtes Privatleben dauerhaft einem einzigen Konzern zur Auswertung übergeben wollen. Bequemlichkeit, die man sich selbst einrichtet, bleibt trotzdem Kontrollverlust – nur eben einer, dem man vorher zugestimmt hat.
Quellen: heise online: Googles KI-Agent CC soll das Familienleben verwalten · Google: CC expanding to groups
