Nvidia zählt nicht zu Ende - Deine Website auch nicht

Acht Kategorien zählt Nvidia, eine lässt der Konzern verschwinden

Nvidias Sustainability Report für das Geschäftsjahr FY26 weist Scope-3-Emissionen von 10.700.940 Tonnen CO₂-Äquivalent aus, ein Anstieg von 725 Prozent gegenüber den rund 1,3 Millionen Tonnen im Jahr 2020. Das allein ist schon eine beachtliche Zahl. Wer aber in die Tabelle schaut, findet dort nur acht der fünfzehn möglichen Scope-3-Kategorien des GHG-Protokolls: eingekaufte Waren, Kapitalgüter, vorgelagerte Transporte, Geschäftsreisen und Ähnliches. Was fehlt, ist ausgerechnet die Kategorie, die bei einem Chiphersteller am meisten zählen dürfte: Kategorie 11, „Use of Sold Products“, die Emissionen aus dem Betrieb der verkauften GPUs bei den Kunden. Statt einer Zahl liefert Nvidia dafür nur ein Intensitätsziel, die Emissionsintensität der verkauften GPU-Produkte um 75 Prozent pro PFLOP zu senken. Ein relatives Ziel, keine absolute, geprüfte Angabe.

Was in die Lücke fällt

Genau diese Lücke haben Greenpeace International, Stand.earth, Friends of the Earth, Beyond Fossil Fuels und weitere Organisationen mit eigenen Schätzungen gefüllt. Auf Basis kumulierter Chip-Verkäufe, angenommener Auslastung und unterschiedlicher Netz-Emissionsfaktoren kommen sie für den Betrieb der seit 2022 verkauften Chips allein im Jahr 2025 auf zwischen 4 und 21 Millionen Tonnen CO₂, je nach Strommix am Standort. Das ist eine Schätzung von Kampagnenorganisationen, keine geprüfte Unternehmensangabe, das gehört an dieser Stelle klar benannt. Aber selbst am unteren Ende dieser Spanne wäre die Nutzungsphase größer als alles, was Nvidia für FY26 offiziell als Scope 3 ausweist. Nvidias eigener Sustainability-Chef Josh Parker kontert mit dem „Netto-Klimanutzen“ von KI, Effizienzgewinne durch KI-Anwendungen würden mehr Emissionen einsparen, als die Chips selbst verursachen. Das ist der klassische Rebound-Einwand in neuem Gewand, den ich hier immer wieder aufgreife: Eine Effizienzsteigerung pro Chip sagt nichts darüber, was mit der absoluten Nachfrage passiert, wenn Rechenleistung gleichzeitig billiger und allgegenwärtiger wird.

Info
GHG-Protokoll-Kategorie 11 erfasst die Emissionen, die durch die Nutzung eines verkauften Produkts beim Kunden entstehen, beim Chip der Stromverbrauch im Rechenzentrum, bei einer Website der Stromverbrauch auf dem Bildschirm des Besuchers. Die Kategorie existiert im Standard, ihre Erfassung ist aber nirgends verpflichtend vorgeschrieben.

Dieselbe Lücke, nur kleiner und näher an Dir

Was für Nvidias Chips gilt, gilt strukturell für jede Website und jede Software: Die Emissionen, die auf dem Gerät des Besuchers entstehen, tauchen in praktisch keiner Klimabilanz auf, weder in Deiner eigenen noch in der Deines Hosters. Das Öko-Institut schätzt, dass Herstellung und Nutzung von Endgeräten rund 63 Prozent des digitalen CO₂-Fußabdrucks einer Person ausmachen, Rechenzentren und Netze zusammen kommen auf etwa 37 Prozent, bei insgesamt rund 850 Kilogramm CO₂ im Jahr. Das ist eine Überschlagsrechnung mit den vom Institut selbst genannten „großen Unsicherheiten“, keine Messung, aber die Größenordnung ist eindeutig: Der größte Teil der Emissionen entsteht dort, wo niemand hinschaut. Genau das bestätigt sogar der Standard, der die Lücke eigentlich schließen soll. Die Green Software Foundation bezieht in ihrem „SCI for Web“-Standard Endgeräte ausdrücklich in die Energiebilanz einer Website mit ein, Server, CDN, Netz und Browser. Verpflichtend ist daran nur eines: dass Betreiber offenlegen, was sie gemessen, geschätzt oder ausgeklammert haben. Die Messung selbst bleibt freiwillig und darf schrittweise erfolgen.

Tipp
Miss zumindest näherungsweise, was auf dem Gerät Deiner Besucher passiert, etwa mit dem Website Carbon Calculator oder nach der SCI-for-Web-Methodik, und schreib dazu, welche Annahmen Du getroffen hast. Eine ehrliche Schätzung mit offengelegten Annahmen ist glaubwürdiger als eine Bilanz, die die größte Emissionsquelle einfach ausblendet.

Warum das mehr wird als eine Randnotiz

Unternehmen, die unter die europäische CSRD-Berichtspflicht fallen, bewerten in einer doppelten Wesentlichkeitsanalyse selbst, welche Scope-3-Kategorien sie im Detail offenlegen müssen. Eine Kategorie, für die es keine etablierte Messmethode gibt, lässt sich in dieser Logik leicht als „nicht wesentlich“ einstufen, ganz gleich, wie groß sie tatsächlich ist. Das ist eine andere Form von Greenwashing als das Siegel, über das ich hier oft schreibe, kein irreführendes Versprechen, sondern eine Auslassung, die niemand rechtfertigen muss, solange sie niemand beziffert.

Was Nvidia mit seinen Chips nicht zu Ende zählt, zählst Du bei Deiner Website vermutlich auch nicht, nicht aus böser Absicht, sondern weil dafür bislang so gut wie niemand einen verbindlichen Maßstab verlangt.


Quellen: Greenpeace International: NVIDIA’s greenwashing tactics and hidden emissions revealed · Euronews: Nvidia chip-use emissions match that of a Russian state coal producer · NVIDIA Sustainability Report Fiscal Year 2026 (PDF) · GHG Protocol: Category 11 - Use of Sold Products (PDF) · Green Software Foundation: SCI for Web · Öko-Institut: Der CO₂-Fußabdruck unseres digitalen Lebensstils