Es gibt sie doch, die Business Cases
In fast jedem Beratungsgespräch kommt irgendwann der Satz: „Schön und gut, aber was bringt uns das?" Schlanke, schnelle Websites gelten als nett für die Umwelt, aber nicht als Geschäftsentscheidung. Der Business Case fehlt, heißt es.
Stimmt nicht ganz. Die Sammlung Business Case for Digital Sustainability trägt inzwischen 25 Praxisbeispiele zusammen, von Salesforce über Ubisoft bis zu Leboncoin. Ich habe mir die Fälle genauer angesehen und die Originalquellen geprüft. Dabei sind mir zwei Dinge aufgefallen, die mehr erklären als jede einzelne Zahl.
Erstens: Die profitabelsten Maßnahmen sind fast immer Verzicht. Zweitens: Erzählt werden sie trotzdem in der falschen Währung.
Die stärksten Fälle sind Verzichtsfälle
Schau Dir an, was in den überzeugendsten Beispielen tatsächlich passiert ist.
Salesforce hat ungenutzte Server schneller und automatisiert abgeschaltet. Ergebnis laut Fallstudie: rund 10.475 MWh weniger Strom und etwa 900.000 Dollar Energiekosten in 16 Monaten.
Ubisoft lässt PCs und Monitore schlafen, wenn niemand sie nutzt. Auf 12.000 Geräten spart das nach Schätzung des Unternehmens 4.000 MWh und 775.000 Euro pro Jahr.
Infomaniak hat eine Funktion, die für jeden Kunden einen eigenen Container betrieb, zusammengelegt. Aus 2.855 Pods wurden im Schnitt zwei, der reservierte Arbeitsspeicher schrumpfte von 748 GB auf rund 2 GB.
Leboncoin hat Anfragen abgestellt, die gar nicht nötig waren. 85 Prozent der API-Aufrufe eines Teams endeten mit einem 404-Fehler, es wurde also nach Inhalten gefragt, die es nicht gab. Nach einem Sprint liefen statt 120 nur noch 40 Server-Replikas.
Keiner dieser Fälle ist eine Effizienzgeschichte im klassischen Sinn. Niemand hat dieselbe Arbeit schneller erledigt. Es wurde Arbeit gestrichen, die nie hätte stattfinden müssen. Das ist Suffizienz, und sie rechnet sich schneller als jede Optimierung, weil sie keine Rechenleistung verbessert, sondern ganz einspart.
Erzählt in der falschen Währung
Jetzt wird es interessant. Bei Leboncoin sanken die Kubernetes-Kosten auf ein Drittel. Die geschätzte CO₂-Einsparung derselben Maßnahme: 24 Kilogramm. Grob überschlagen entspricht das einer Autofahrt von rund 150 Kilometern, gerechnet mit 160 g CO₂ pro Kilometer.
Bei Infomaniak war der Auslöser überhaupt nicht die Umwelt. Das Monitoring war überlastet, und die Bereitschaft wurde regelmäßig nachts geweckt. Das Unternehmen schreibt sogar offen, dass Anfragen nach dem Umbau nicht schneller verarbeitet werden. Der Gewinn liegt bei Wartung, Deployments und ruhigen Nächten.
Trotzdem stehen in den Überschriften solcher Fallsammlungen vor allem Seitengewichte, Request-Zahlen und CO₂-Prozente. Die Boavizta-Studie zum Return on Investment nachhaltiger IT bestätigt das Muster: Nachhaltige IT wird dort meist als ethisches Engagement wahrgenommen, nicht als Hebel für Effizienz und Kosten. Und der finanzielle Nutzen wird in den befragten Organisationen kaum systematisch gemessen.
Wir haben also kein Problem mit fehlenden Business Cases. Wir haben ein Übersetzungsproblem. Wer in Kilobyte argumentiert, redet an der Geschäftsführung vorbei.
datensm.art als lebendes Praxisbeispiel
Ich will nicht nur über andere schreiben. Deshalb lege ich meine eigene Rechnung offen.
In den letzten Monaten habe ich auf datensm.art mehrere Dienste gestrichen. Den Podcast habe ich von Podigee auf meinen eigenen Server geholt, nachdem ich in ein schlechteres und teureres Paket wechseln sollte. Das Terminbuchungstool meetergo habe ich durch das schlanke, selbst gehostete cal.rs ersetzt. Den Newsletter verschicke ich nicht mehr über CleverReach, sondern über phpList. Dort hat mich der Wechsel kein Geld gespart, weil der Tarif für wenige Abonnenten kostenlos war. Gewonnen habe ich aber Unabhängigkeit und Datenhoheit.
Dazu kommen Entscheidungen, die man nicht auf einer Rechnung sieht. Die Website ist statisch gebaut, ohne Datenbank und ohne PHP. Meine Statistik läuft ohne Cookies, deshalb brauche ich kein Consent-Banner. Ich habe es nicht hübscher gestaltet, ich habe seine Ursache entfernt. Und als ich für die Terminbuchung eine Zeitzonen-Bibliothek brauchte, habe ich sie auf die zwei Zeitzonen reduziert, die ich wirklich nutze: rund 14 KB statt 720 KB.
Die ehrliche Bilanz sieht so aus:
- Weggefallene Abos: mehrere Hundert Euro pro Jahr
- Anteilige Hostingkosten: rund 100 Euro pro Jahr, auf einem Server, den ich ohnehin betreibe
- Aufwand für die Umstellung: zusammen etwa ein bis zwei Arbeitstage, den größten Teil davon für den Podcast
Setze ich meinen Tagessatz an, ist das rein rechnerisch kein Sofortgewinn. Der Business Case liegt woanders. Kein Anbieter kann mich mehr in ein teureres Paket zwingen. Ein Consent-Banner, das Besucher abschreckt, gibt es nicht. Und das Wissen aus den Umstellungen kann ich heute Kunden anbieten, die denselben Weg gehen wollen. Genau diese Posten tauchen in keiner CO₂-Bilanz auf, sind für ein kleines Unternehmen aber oft entscheidender als die Stromrechnung. Und über den Gewinn an digitaler Souveränität sollte bei der Reduzierung von Abhängigkeit von US-Diensten auch viel mehr gesprochen werden.
Miss in der Währung Deiner Budgetverantwortlichen
Wenn Du intern für eine schlankere Website oder Infrastruktur werben willst, rate ich Dir zu einem Perspektivwechsel. Frage nicht zuerst, wie viel CO₂ Du sparst. Frage, was wegfällt und was dieses Wegfallen in Euro, Stunden und Risiko bedeutet.
Typische Posten, die sich übersetzen lassen:
- gekündigte Abos und Lizenzen
- Wartungsstunden für Plugins, Updates und Sicherheitslücken
- Bereitschaftseinsätze und Störungen
- Support-Anfragen, die eine einfachere Oberfläche gar nicht erst entstehen lässt
- Abbrüche an Bannern, Pop-ups und langen Ladezeiten
Ein Vorbehalt gehört dazu. Eingesparte Ressourcen verschwinden nicht automatisch. Infomaniak schreibt selbst, dass die frei gewordenen Kapazitäten nun in andere Projekte fließen. Das ist betriebswirtschaftlich sinnvoll, kann ökologisch aber den Effekt wieder auffressen. Wer den Rebound-Effekt ernst nimmt, sollte deshalb nicht nur festhalten, was er gespart hat, sondern auch, wohin die Ersparnis geht.
Der beste Business Case für nachhaltige Websites ist also kein neues Tool und keine bessere Optimierung. Es ist die Frage, die am Anfang jedes Projekts stehen sollte: Brauchen wir das überhaupt?
Quellen: Business Case for Digital Sustainability, Infomaniak: Eco-design and technical debt, Climate Product Leaders: Leboncoin, Climate Product Leaders: Salesforce, Boavizta: Sustainable IT ROI (PDF)
