Zehn Jahre lang konnte Meta melden, seinen Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Quellen zu decken – und im selben Zeitraum den Bau von einem Dutzend Erdgaskraftwerken finanzieren. Beide Aussagen waren korrekt. Genau darin liegt das Problem.
Am 23. Juli 2026 hat der Konzern die Initiative RE100 verlassen, der er 2016 noch als Facebook beigetreten war. Meta selbst nennt die Trennung einvernehmlich. Die Climate Group, die RE100 leitet, wird deutlicher: Das Unternehmen könne die technischen Kriterien aufgrund von Investitionen in neue Gaskraftwerke nicht mehr erfüllen.
Was hinter dem Austritt steckt
Der Auslöser ist der Strombedarf der KI-Rechenzentren. Für den Hyperion-Campus in Louisiana entstehen zehn Gasanlagen mit zusammen rund 7,5 Gigawatt, sieben davon nach einer Vereinbarung mit dem Versorger Entergy. Dazu kommt ein 200-Megawatt-Kraftwerk in Ohio, das direkt hinter dem Zähler ein Rechenzentrum versorgt. Eine einzelne dieser Anlagenketten erzeugt mehr Strom, als der US-Bundesstaat South Dakota im Jahr verbraucht.
TechCrunch hat auf Basis von Daten des US-Energieministeriums überschlagen, dass die 7,5-Gigawatt-Flotte rund 12,4 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr ausstoßen könnte. Das ist eine Redaktionsrechnung, keine Prognose des Betreibers, und sie hängt an Auslastung und Wirkungsgrad. Als Größenordnung reicht sie trotzdem: Es entspricht ungefähr dem, was anderthalb Millionen Menschen in Deutschland pro Jahr verursachen.
Interessant ist der zweite Teil der Meldung. Meta hält weiterhin daran fest, den Stromverbrauch seiner Rechenzentren zu 100 Prozent mit sauberer und erneuerbarer Energie zu decken. Das ist kein Widerspruch im juristischen Sinne, sondern das Ergebnis einer Bilanzierungsmethode.
Nicht der Austritt ist die Nachricht
Die eigentliche Erkenntnis liegt woanders. Meta hat die Initiative nicht verlassen, weil sich die Emissionen plötzlich verschlechtert hätten. Der Konzern hat sie verlassen, weil RE100 die Nachweispflichten verschärft hat und für 2026 präzisere Angaben zum tatsächlichen Ökostromanteil verlangt.
Solange nur die Jahressumme zählte, funktionierte die Konstruktion. Sobald genauer hingeschaut wird, reißt die Lücke zwischen Papier und Steckdose auf. Der Austritt ist damit weniger ein Bruch mit dem Klimaziel als ein Rückzug aus der Prüfung.
Wer digitale Nachhaltigkeit bewerten will, sollte sich das merken: Eine Bilanz ist nur so belastbar wie die Regeln, nach denen sie geführt wird. Bilanzielle Neutralität sagt nichts darüber aus, welches Kraftwerk gerade läuft.
Wann folgen Google und Microsoft?
Beide sind seit 2015 RE100-Mitglieder, Google mit einem bereits 2017 erreichten Ziel, Microsoft mit Zieljahr 2030. Und beide stehen vor demselben Rechenproblem: Der Strombedarf ihrer KI-Infrastruktur wächst schneller, als neue Wind- und Solarkapazität ans Netz geht. Gasturbinen sind derzeit die am schnellsten verfügbare Technologie, der Markt dafür ist praktisch leergekauft.
Google verfolgt seit Jahren den Ansatz, Verbrauch und erneuerbare Erzeugung stundengenau zusammenzubringen, statt nur die Jahresbilanz auszugleichen. Das ist der ehrlichere Weg – und der schwierigere. Ob er dem Tempo des KI-Ausbaus standhält, ist offen. Amazon hat sich die Frage übrigens erspart: Der größte Cloud-Anbieter der Welt war nie RE100-Mitglied, sondern meldet nach eigenen Regeln im Rahmen des selbst gegründeten Climate Pledge.
Die nachhaltigste Kilowattstunde bleibt die, die gar nicht erst angefordert wird. Alles andere ist Buchhaltung. Und die lässt sich verschieben, Emissionen nicht.
Quellen: Golem.de: Meta verlässt Klimaschutzinitiative, TechCrunch: Meta drops out of a major clean energy pact, RE100-Mitgliederverzeichnis der Climate Group
