Der Vorwurf gegen Rechenzentren lautet seit Jahren: zu viel Wasser. Die Antwort der Industrie ist eine Flüssigkeit, die ohne Wasser auskommt. Sie siedet bei 49 °C, kühlt Server durch direktes Verdampfen und gehört zu einer Stoffklasse, die man nicht ohne Grund Ewigkeitschemikalien nennt.
Es geht um Opteon 2P50 von Chemours, eine dielektrische Flüssigkeit für die Zwei-Phasen-Immersionskühlung. Die Server werden dabei direkt in die Flüssigkeit getaucht, die an den heißen Bauteilen verdampft, oben an einem Wärmetauscher kondensiert und zurückläuft. Ein passiver Kreislauf, ohne Lüfter, ohne Verdunstungskühlung. Ende Juli hat ein Bündnis aus 17 Umweltverbänden die US-Umweltbehörde EPA aufgefordert, die laufende Zulassung abzulehnen.
Was der Hersteller verspricht
Chemours beschreibt das Mittel als proprietäres Hydrofluorolefin ohne Ozonabbaupotenzial und mit einem GWP von 10 nach AR6. Die weiteren Zahlen stammen ebenfalls vom Hersteller: über 90 Prozent weniger Energie für die Kühlung, praktisch kein Wasserverbrauch, bis zu 60 Prozent weniger Gebäudefläche. Für eine Branche, die gerade in einem Ort nach dem anderen wegen ihres Wasserbedarfs Gegenwind bekommt, ist das ein außerordentlich attraktives Angebot. Interessant ist die Technik vor allem für die Leistungsdichten, die aktuelle KI-Beschleuniger im Rack erzeugen.
Was die Verbände einwenden
Chemours verweist darauf, dass es sich um einen geschlossenen Kreislauf handelt. Das stimmt in der Konstruktion, aber “geschlossen” heißt bei einer Substanz, die im Betrieb ständig zwischen flüssig und gasförmig wechselt, nicht “dicht”. Was bei Wartung, Befüllung, Alterung von Dichtungen oder Störfällen entweicht, ist verloren – und zwar dauerhaft.
Die Stellungnahme des Bündnisses kritisiert außerdem die vorgelegte Toxikologie: unter anderem die Wahl eines Rattenstamms, der auf PFAS deutlich unempfindlicher reagiert als der Mensch, sowie fehlende Daten an mehreren Stellen. Zudem laufe das Verfahren unter einer politischen Beschleunigungsvorgabe für Chemikalien rund um den Rechenzentrumsbau. Bis zum 20. Juli waren die Umweltverbände die einzigen, die überhaupt eine Stellungnahme eingereicht hatten.
Der Punkt, den ich für den wichtigeren halte
Mich interessiert weniger das Genehmigungsverfahren als die Logik dahinter. Hier wird ein sichtbares, lokales und im Prinzip reversibles Problem, die Wasserentnahme in einer trockenen Region, gegen ein unsichtbares, globales und irreversibles getauscht. Wasser kommt zurück in den Kreislauf. Perfluorierte Verbindungen nicht.
Als Chemiker fällt mir an der Sache ein zweiter Punkt auf. Viele fluorierte Kältemittel werden in der Atmosphäre photochemisch zu Trifluoressigsäure (TFA) abgebaut, dem Endprodukt vieler PFAS. TFA ist extrem langlebig, sehr gut wasserlöslich und dadurch im Boden hochmobil. Es kommt inzwischen flächendeckend in Grund-, Regen- und Trinkwasser vor.
Und die Bewertung dieses Endprodukts wird gerade strenger. Im Juni 2026 hat der Risikobewertungsausschuss der ECHA auf Basis eines deutschen Dossiers empfohlen, TFA als reproduktionstoxisch der Kategorie 1B einzustufen. Einen Monat später hat die EFSA den ADI für TFA von 0,05 auf 0,014 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag gesenkt, ein Minus von 72 Prozent gegenüber dem Wert von 2017. Der ADI ist dabei weder ein Rechtsgrenzwert noch eine Aussage über akute Giftigkeit, sondern die Menge, die ein Mensch ein Leben lang täglich aufnehmen kann, ohne dass ein merkliches Gesundheitsrisiko erwartet wird.
Was man PFAS gesundheitlich nachsagt, hängt stark vom einzelnen Vertreter ab. Bei TFA nennt die EFSA als kritische Wirkungen eine gestörte Schilddrüsenfunktion, Lebertoxizität, Fehlbildungen an Skelett und Augen sowie verringerte Spermienqualität; genotoxisch ist der Stoff nach heutiger Datenlage nicht. Bei den bekannteren langkettigen Vertretern ist die Liste länger: Die IARC stuft PFOA seit 2023 als krebserzeugend für den Menschen ein, PFOS als möglicherweise krebserzeugend. Ihren sehr niedrigen Wochenwert für vier PFAS hat die EFSA 2020 aus einer geschwächten Impfantwort bei Kindern abgeleitet. Man kann die Stoffklasse also nicht über einen Kamm scheren, aber das Muster ist bei allen dasselbe: geringe Dosen, lange Zeiträume, keine Rückkehr.
Ob ausgerechnet Opteon 2P50 zu TFA abgebaut wird, lässt sich von außen nicht sagen: Chemours legt die Struktur nicht offen, die Verbände sprechen allgemein von kurzkettigen PFAS als Abbauprodukten. Naheliegend ist es bei dieser Stoffklasse allemal. Bemerkenswert bleibt die Gleichzeitigkeit: Während in Europa das Endprodukt dieser Chemie gerade strenger bewertet wird, soll in den USA ein neuer Vertreter im Schnellverfahren in die Rechenzentren.
Was das mit Deiner Website zu tun hat
Auf den ersten Blick nichts. Tatsächlich hängt beides am selben Faden: Die Kühlleistung wird gebraucht, weil die Leistungsdichte pro Rack steigt. Die Leistungsdichte steigt, weil die Rechenlast steigt. Und über die Rechenlast entscheidet am Ende, was auf den Servern läuft – auch Deine Anwendungen, Deine Bildgrößen, Deine KI-Funktionen, Deine Crawler-Freigaben.
In der Debatte über Wasser, Strom und Kühlmittel stellt niemand die eine Frage, die vor allen anderen käme: Muss diese Rechenlast überhaupt entstehen? Jede Kühltechnologie ist ein Umgang mit Abwärme, die schon produziert wurde. Die sauberste Kühlung ist die, die nichts zu kühlen hat.
Quellen: The Guardian: US environmental groups urge EPA to reject new Pfas to cool datacenters, Data Center Dynamics zur Stellungnahme der Verbände, Chemours zu Opteon 2P50, EFSA: Sicherer Grenzwert für TFA gesenkt, Umweltbundesamt: FAQ Ewigkeitschemikalie TFA
