Der meistgegebene Nachhaltigkeitstipp fürs Streaming lautet: eine Stufe kleiner schauen, HD statt UHD. Am Fernseher selbst bringt das so gut wie nichts. Die Messungen des Fraunhofer FOKUS zeigen, dass Bitrate und Auflösung den Verbrauch des Endgeräts kaum beeinflussen. Zwischen SD und UHD liegen am Gerät nur marginale Unterschiede.
Das ist überraschend, wird aber sofort plausibel, wenn man sich klarmacht, wofür ein Fernseher seine Energie eigentlich braucht. Nicht fürs Dekodieren. Fürs Leuchten. Ein Panel muss dieselbe Fläche mit derselben Helligkeit beleuchten, ob die Bildpunkte nun aus einem SD- oder einem UHD-Signal stammen. Der Chip, der das Signal auspackt, ist im Vergleich dazu ein Nebendarsteller.
Und der Fernseher ist eben nicht irgendein Glied der Kette, sondern das schwerste. Zwischen 70 und 80 Prozent des gesamten Energiebedarfs beim Streaming entfallen auf die Endgeräte, nicht auf Rechenzentren oder Netze. Eine Stunde auf dem Smart-TV kostet in den Fraunhofer-Szenarien rund 169 Wattstunden, dieselbe Stunde auf dem Smartphone 21. Faktor 20, und der entsteht komplett hinter dem Empfänger.
Hebel eins: die Bildfläche
Der mit Abstand größte Einzelfaktor ist die Bildschirmdiagonale, und zwar aus einem geometrischen Grund. Die Fläche wächst quadratisch mit der Diagonale. Von 55 auf 75 Zoll sind es rund 86 Prozent mehr Bildfläche, die beleuchtet werden will.
Das schlägt exakt so durch. Ein 55-Zoll-Gerät liegt bei etwa 109 Kilowattstunden pro 1.000 Betriebsstunden, ein 65-Zoll-Gerät bei rund 142. Ein 75-Zöller verbraucht häufig doppelt so viel wie ein 55-Zöller derselben Technik. Ein moderner 32-Zöller kommt mit 40 bis 60 Watt aus, ein 65-Zöller je nach Technik mit 80 bis 150.
Bemerkenswert daran ist, dass dieser Hebel nicht auf der Fernbedienung liegt, sondern im Elektromarkt. Er wird einmal gezogen und wirkt dann jeden Tag über die gesamte Lebensdauer des Geräts. Genau darin ähnelt er dem Embodied Carbon: Die folgenreichste Entscheidung fällt vor der ersten Nutzung.
Hebel zwei: die Helligkeit
Was am Gerät wirklich zählt, ist Licht. Und Licht kannst Du heute Abend regeln. Fast jeder Fernseher bringt einen Energiesparmodus mit, der die Hintergrundbeleuchtung zurücknimmt, und fast niemand schaltet ihn ein. Werksseitig sind die Geräte auf Verkaufsraumhelligkeit getrimmt, weil sie sich im hell beleuchteten Markt gegen die Konkurrenz durchsetzen müssen. Im Wohnzimmer braucht kein Mensch diese Einstellung.
Hebel drei: HDR
HDR hat seit März 2021 eine eigene Energieeffizienzklasse auf dem EU-Label, und zwar genau deshalb: Der erweiterte Kontrastumfang verlangt deutlich höhere Leuchtkraft. In den Fraunhofer-Szenarien steigt die Stunde auf dem Smart-TV von 169 auf 243 Wattstunden.
Ehrlicherweise gehört dazu, dass dieser Aufschlag stark vom Inhalt abhängt. Die Deutsche TV-Plattform weist darauf hin, dass ein dunkel angelegter Film in HDR nahezu auf SDR-Niveau liegt, weil schlicht weniger helle Bildanteile vorkommen. Die Labelwerte stammen aus einer genormten Testschleife, sie sind kein Alltagsgesetz. HDR bei hellem Material kostet spürbar, HDR bei dunklem Material kaum.
Und der Paneltyp?
Hier wird es unübersichtlich, und das sage ich offen: Die Quellen widersprechen sich. Physikalisch ist die Sache dagegen klar. OLED leuchtet selbst, jeder schwarze Bildpunkt ist wirklich aus. Dunkle Szenen kosten dort fast nichts, helle Vollbilder dafür viel. LCD und LED arbeiten mit einer Hintergrundbeleuchtung, die weitgehend konstant brennt, unabhängig vom Inhalt.
Daraus folgt kein Sieger, sondern eine Abhängigkeit vom Programm. Ein Testportal fasst es brauchbar zusammen: Bis 65 Zoll ist der Unterschied kaum erwähnenswert, darüber verschiebt er sich zugunsten der hintergrundbeleuchteten Technik. QLED liegt durchgängig 15 bis 20 Prozent über OLED. Die Botschaft lautet also nicht „kauf Technik X“, sondern: Der Paneltyp entscheidet weniger als Größe und Helligkeit.
Wie ernüchternd die Lage insgesamt ist, zeigt ein Blick auf das Label selbst. Seit der Verschärfung im März 2023 landen die meisten Fernseher in den Klassen E, F und G. Die Klasse A existiert, aber kaufen kannst Du sie nicht. Das Beste am Markt ist C oder D.
Für uns, die wir Websites bauen, steckt darin eine unbequeme Lehre. Der größte Teil der Arbeit passiert auf einem Gerät, das uns nicht gehört und das wir nicht einstellen können. Wir bestimmen nur, wie viel Arbeit wir ihm zumuten: wie viel JavaScript ausgeführt, wie viel gerendert, wie viel nachgeladen wird. Und es geht dabei um mehr als Strom. Software-Bloat ist einer der stillen Treiber des Hardware-Austauschs. Wer Seiten baut, die auf einem vier Jahre alten Telefon ruckeln, verkürzt dessen Lebensdauer und verursacht damit Emissionen, die in keiner Messung des eigenen Servers auftauchen.
Nicht die Auflösung entscheidet also, sondern die Fläche, die leuchtet. Und nicht der Server entscheidet, sondern das Gerät am anderen Ende. Der wirksamste Hebel liegt fast immer dort, wo wir ihn am wenigsten vermuten: beim Kauf und beim Endgerät, nicht bei der Übertragung.
Quellen: Fraunhofer FOKUS: Green Streaming Whitepaper 2024 · Umweltbundesamt: Klimawirkung von Videostreaming · Deutsche TV-Plattform zum Energielabel
