Ein 18. Nachhaltigkeitsziel für freie Medien

Wer wissen will, wie es einem Thema ergeht, das in der Agenda 2030 kein eigenes Ziel hat, muss nicht lange suchen. Pressefreiheit hat keines. Sie steckt als Unterziel 16.10 in einem Ziel, das offiziell „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“ heißt: eines von 169 Unterzielen. Digitale Nachhaltigkeit hat übrigens auch keines.

Am 20. Juli hat der Deutsche Journalisten-Verband die Vereinten Nationen aufgefordert, den Journalismus in den Zielkatalog aufzunehmen, und unterstützt damit die Initiative18. Der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster begründet das damit, freier Journalismus sei „kein Randthema nachhaltiger Entwicklung“, sondern Voraussetzung dafür, dass Menschen informiert entscheiden können.

Was in den bestehenden 17 Zielen steht

Abwesend ist das Thema in der Agenda 2030 nicht. Es ist nur klein.

Info
Unterziel 16.10 verlangt, den öffentlichen Zugang zu Informationen zu gewährleisten und die Grundfreiheiten zu schützen. Der zugehörige Indikator 16.10.1 zählt verifizierte Fälle von Tötung, Entführung, Verschwindenlassen, willkürlicher Inhaftierung und Folter von Journalisten, Medienschaffenden, Gewerkschaftern und Menschenrechtsverteidigern. Er misst also erst dann, wenn bereits jemand zu Schaden gekommen ist.

Medienvielfalt, tragfähige Finanzierung journalistischer Arbeit und der Umgang mit Desinformation kommen in den 17 Zielen dagegen nicht vor. Genau diese Lücke beschreibt die Initiative18 zutreffend, und sie beschreibt sie präziser als die meisten Positionspapiere: Acht Unterziele, darunter der Schutz vor Einschüchterung und Zensur, die faire Vergütung journalistischer Inhalte auch bei der Nutzung in KI-Modellen, Transparenz von Algorithmen und Medienkompetenz für alle Altersgruppen.

Zur Einordnung gehört, wer dahintersteht: Die Initiative ist ein eingetragener Verein, den Vorsitz führt Manfred Kluge, Chairman von Omnicom in der DACH-Region, getragen wird sie überwiegend von Marken-, Tech- und Agenturvertretern. Die dju in ver.di unterstützt die Kernforderung, ordnet sie aber selbst als vor allem symbolischen Schritt ein.

Warum ich die Idee gut finde

Symbolisch ist nicht dasselbe wie folgenlos. Die 17 Ziele haben in zehn Jahren etwas geschafft, das man ihnen anfangs nicht zugetraut hat: Sie sind zur gemeinsamen Sprache geworden. Unternehmen ordnen ihre Maßnahmen einem SDG zu, Berichte gliedern sich danach, Fördermittel orientieren sich daran. Was in diesem Raster ein eigenes Feld hat, wird gezählt. Was kein Feld hat, taucht in keiner Tabelle auf.

Bemerkenswert finde ich außerdem den Ansatz. Die Initiative ruft nicht zu Boykotten auf, sondern setzt bei der Allokation von Werbebudgets an: Wer Werbung schaltet, entscheidet mit, welche Inhalte sich finanziell tragen. Das ist ein unaufgeregter, marktseitiger Hebel statt einer Verbotsforderung.

Die Parallele, die mich daran interessiert

Der ökologischen Seite des Digitalen geht es exakt wie den Medien. Sie ist vorhanden, aber verteilt: Rechenzentren und Netze bei Ziel 9, Ressourcenverbrauch und Elektroschrott bei Ziel 12, Emissionen bei Ziel 13. Nirgends steht, dass ein Byte Energie kostet. Deshalb landen Datenvolumen und Softwarearchitektur in Nachhaltigkeitsberichten fast nie, während die Dienstwagenflotte selbstverständlich auftaucht.

Ich kenne das Problem der Initiative18 also aus eigener Anschauung, nur aus einer anderen Ecke. Und ich halte die Diagnose für richtig: Ein Thema ohne eigene Zeile im Raster wird nicht bestritten, es wird übersehen.

Was daraus werden könnte

Die Agenda 2030 läuft aus, ein Nachfolgerahmen wird ohnehin verhandelt. Das ist der realistische Zeitpunkt für ein 18. Ziel, und es ist der Moment, in dem man fragen sollte, welche Dimensionen sonst noch fehlen.

Für die Initiative18 sehe ich dabei einen naheliegenden Anknüpfungspunkt. Sie will traditionelle Werbemetriken um Kennziffern ergänzen, die den gesellschaftlichen Wert von Inhalten abbilden. Wer ohnehin neue Kennziffern in die Mediaplanung einzieht, könnte die ökologische gleich mitdenken: Datenvolumen und Energiebedarf einer Werbeauslieferung sind messbar, und Ad-Tech gehört zu den größten Treibern von Drittanbieter-Skripten im Web. Das wäre keine Konkurrenz zum Medienziel, sondern seine sinnvolle Ergänzung.

Tipp
Schau in Deinem eigenen Nachhaltigkeitsbericht oder auf Deiner Website nach, welchen SDGs Du Deine Maßnahmen zuordnest. Wenn dabei kein einziger digitaler Posten auftaucht, liegt das selten daran, dass es keinen gäbe. Es liegt daran, dass keine Zeile dafür vorgesehen war.

Ob ein 18. Ziel jemals beschlossen wird, ist offen. Wichtiger ist, was die Forderung sichtbar macht: Ein Thema ohne eigenes Ziel ist nicht unwichtig. Es ist nur unsichtbar.

Quellen: DJV: Für Nachhaltigkeit unverzichtbar, Initiative18: Unterziele, dju in ver.di zur Initiative18, UN: Sustainable Development Goal 16