Wir sind nicht die Einzigen, die ihr Siegel einstellen

Warum wir web4nature einstellen

Wir haben web4nature seit 2022 zusammen mit Partnern aufgebaut. Schon im Frühling haben wir angekündigt, das Siegel zum Jahresende einzustellen, und zwar mit genau der Begründung, die bis heute auf unserer eigenen Seite steht: Ab dem 27. September 2026 gelten neue rechtliche Vorgaben für Nachhaltigkeitssiegel, und weil web4nature nicht unabhängig zertifiziert ist, kann es diese Vorgaben nicht erfüllen. Der Grund dafür ist die deutsche Umsetzung der EU-Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel, kurz EmpCo. Sie macht mit einem ganzen Marktsegment Schluss, dem der selbst vergebenen Siegel im Web.

Was ab dem 28. September nicht mehr geht

Die UWG-Novelle ist bereits seit Februar 2026 in Kraft (BGBl. 2026 I Nr. 43), ihre neuen Vorgaben zu Umweltaussagen greifen aber erst ab dem Stichtag. Ab dann gilt: Ein Nachhaltigkeitssiegel ist nur noch zulässig, wenn es entweder staatlich festgelegt ist oder auf einem Zertifizierungssystem mit öffentlich zugänglichen Kriterien, offenem Zugang für Unternehmen und unabhängiger Überwachung beruht. Rein selbst vergebene Gütesiegel fallen automatisch darunter, ganz gleich wie gut gemeint, ohne dass ein Gericht im Einzelfall prüfen müsste, ob getäuscht wurde. Das ist ein Per-se-Verbot. Gleiches gilt für pauschale Aussagen wie „klimafreundlich“ oder „nachhaltig“: Sie sind nur noch erlaubt, wenn eine nachweislich herausragende Umweltleistung dahintersteht und die Konkretisierung auf demselben Medium steht, nicht hinter einem Link. Eine Übergangsfrist für bestehende Siegel gibt es nicht. Wer am 28. September noch ein unzertifiziertes Siegel zeigt, riskiert Abmahnungen, einstweilige Verfügungen, Schadensersatz und Bußgelder bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes.

Achtung
Es gibt keinen Aufschub mehr. Ein Siegel, das am 27. September noch auf Deiner Seite eingebunden war, muss am 28. September entweder durch eine echte Zertifizierung gedeckt oder verschwunden sein.

Was uns web4nature bedeutet hat

Uns ging es mit web4nature nie darum, ein Gütesiegel im engeren Sinn zu verkaufen. Wir wollten aufklären, und wir haben damit tatsächlich Unternehmen dazu bewegen können, die Emissionen ihrer Website zu kompensieren, Firmen, die sich vorher gar nicht mit dem Thema beschäftigt hatten. Das nehmen wir uns nicht weg. Trotzdem: Der Wildwuchs an Öko-Siegeln im Web ist in den letzten Jahren enorm geworden. Jeder vergibt sein eigenes Icon, seine eigene Skala, seine eigene Farbe Grün, und für Besucher ist am Ende nicht mehr zu unterscheiden, wer wirklich geprüft hat und wer sich nur selbst ein Zeugnis ausgestellt hat. Genau da setzt die EmpCo-Richtlinie an, und im Kern finden wir das richtig, auch wenn es unser eigenes Projekt trifft.

Wir sind nicht die Einzigen: auch CleanerWeb stellt sein Siegel ein

Am 18. September hat auch CleanerWeb auf der eigenen Seite verkündet, das °Cleaner-Web-Siegel einzustellen, ein Team, das völlig unabhängig von uns ein eigenes Zertifizierungsversprechen aus Audit, Impact Report und Siegelvergabe aufgebaut hatte. Ihre Begründung in eigenen Worten: „Neue gesetzliche Anforderungen an Nachhaltigkeitssiegel, die Ende September 2026 in Kraft treten, machen eine Fortführung in der bisherigen Form leider wirtschaftlich nicht möglich.“ Das ist dieselbe Rechnung, die auch wir für web4nature aufgemacht haben: Eine wirklich unabhängige, externe Zertifizierung kostet, und kaum ein Siegel-Anbieter im Web-Umfeld kann sie allein stemmen.

Wir hatten beide Siegel auf unserem Wissenschaftsportal analytik.news eingebunden und haben inzwischen beide entfernt. Für uns ist das mehr als eine Randnotiz: Solange wir kein Siegel kennen, das eine staatliche Anerkennung oder eine wirklich unabhängige, finanziell tragfähige Zertifizierungsstelle vorweisen kann, ist für uns kein Website-Siegel mehr tragbar, unsere eigenen eingeschlossen.

Grüner Strom aus dem Rechenzentrum: auch hier wird es eng

Beim Website-Siegel hört das Problem nicht auf. Auch Green-Hosting-Siegel und -Werbeaussagen gehören jetzt auf den Prüfstand, aus demselben Grund. Ein großer Teil dessen, was als „100 % Ökostrom“ oder „klimaneutrales Hosting“ beworben wird, beruht nicht auf physisch vor Ort bezogenem Grünstrom, sondern auf Herkunftsnachweisen (RECs) oder auf nachträglicher Kompensation über CO₂-Zertifikate. Cloudflare etwa beschreibt in seinem eigenen Blog offen, dass der Großteil der als „erneuerbar“ verbuchten Energie aus weltweit zugekauften RECs, I-RECs und REGOs besteht, unabhängig davon, woher der tatsächlich genutzte Strom im jeweiligen Rechenzentrum stammt, und dass historische Emissionen über Kompensation ausgeglichen werden sollen, nicht über Vermeidung. Genau dieses Muster, Zertifikat statt physischem Grünstrom, Kompensation statt Vermeidung, findet sich bei etlichen der großen US-Cloud-Anbieter ebenso wie bei nicht wenigen deutschen Hosting-Providern.

Rechtlich wird das ab dem 27. September enger: Die UWG-Novelle verbietet als eigenen Per-se-Tatbestand Aussagen wie „klimaneutral“, „CO₂-neutral“ oder „klimapositiv“ samt zugehöriger Symbole, wenn sie allein auf Kompensation beruhen, unabhängig davon, wie hochwertig die Zertifikate sind. Ob dieser Tatbestand auch B2B-Aussagen von Hosting-Anbietern gegenüber Website-Betreibern voll erfasst, ist im Detail noch nicht abschließend geklärt, der Wortlaut zielt zunächst auf produktbezogene Aussagen. Neu ist das Risiko trotzdem nicht: Der Bundesgerichtshof hat bereits 2024 entschieden, dass mehrdeutige Umweltbegriffe wie „klimaneutral“ nur zulässig sind, wenn direkt in der Werbung erklärt wird, was konkret gemeint ist, und das ausdrücklich auch in einem Fall aus dem B2B-Bereich.

Was Du jetzt tun solltest

Tipp
Prüfe jedes Siegel und jede Umweltaussage auf Deiner Website, das eigene Siegel ebenso wie eingebundene fremde Siegel, dazu die Werbeaussagen Deines Hosting-Anbieters. Frage bei jedem nach: Wer zertifiziert hier, nach welchen öffentlichen Kriterien, wer überwacht das unabhängig, und beruht „klimaneutral“ oder „Ökostrom“ auf echtem Bezug oder nur auf Zertifikaten? Kannst Du das nicht klar beantworten, entferne das Siegel, so wie wir es bei analytik.news gerade getan haben, oder ersetze die Aussage durch eine konkrete, belegbare Angabe direkt im Text.

Wer selbst noch mit einer allgemeinen Aussage wie „klimaneutrale Website“ oder „grünes Hosting“ wirbt, sollte diese entweder mit einer nachweisbaren, auf derselben Seite stehenden Erklärung unterfüttern oder ganz streichen. Ein Siegel, das niemand außer dem eigenen Anbieter prüft, war schon vor dem 27. September kein Vertrauensbeweis, ob auf der Website oder im Rechenzentrum dahinter. Ab dem 28. September ist es zusätzlich ein Rechtsrisiko.


Quellen: web4nature: Wir stellen unseren Service ein · Gleiss Lutz: Umsetzung der EmpCo-Richtlinie in deutsches Recht – es geht los · Wolters Kluwer: Neue EmpCo-Anforderungen ab 27. September 2026 · °Cleaner Web: Nachhaltigkeitssiegel für Websites · Cloudflare: Committed to Building a Greener Internet · tww.law: Klimaneutral durch Kompensation – das Aus für den beliebtesten Green Claim · VKU: (Un)Zulässigkeit der Werbung mit dem Begriff klimaneutral