KI-Rechenzentren: Wer zahlt das Netz? Die USA streiten schon

Die Rechnung kommt woanders an

Wenn Du einen Chatbot fragst, zahlst Du dafür nichts oder ein Abo. Ein Teil der echten Rechnung landet woanders: auf der Stromrechnung von Menschen, die vielleicht nie eine KI benutzt haben. In den USA ist das inzwischen messbar und ein Wahlkampfthema.

NPR hat am 1. Oktober zusammengetragen, was bekannt ist. Nach einer dort zitierten Schätzung zahlen Haushalte in Maryland rund 168 bis 216 US-Dollar im Jahr mehr für Strom, vor allem wegen des Rechenzentrums-Booms. Der unabhängige Marktbeobachter des Netzbetreibers PJM, der 13 Bundesstaaten und Washington D.C. versorgt, beziffert die Mehrkosten durch Rechenzentren auf etwa 29 Milliarden Dollar in rund zwei Jahren, verteilt auf 67 Millionen Stromkunden. Eine saubere landesweite Zahl gibt es laut NPR nicht: Viele Verträge zwischen Versorgern und Rechenzentren sind durch Verschwiegenheitsvereinbarungen geschützt.

Zwei Gesetze, kein Ergebnis

Im Kongress liegen zwei Antworten auf dem Tisch. Der Ratepayer Protection Act passierte das Repräsentantenhaus am 16. September mit 417 zu 3 Stimmen. Er sieht vor, dass Rechenzentren ab 100 Megawatt die vollen zusätzlichen Kosten für Erzeugung, Übertragung und Verteilung tragen. Allerdings nur als Standard, den die Bundesstaaten prüfen müssen, nicht übernehmen. Im Senat scheiterte das Gesetz am 30. September mit 57 zu 43 Stimmen an der 60-Stimmen-Hürde. Die Gegner nannten es zahnlos.

Senator Martin Heinrich setzt auf den GRID Savings Act: Die Bundesenergieaufsicht FERC soll für Anlagen ab 150 Megawatt zuständig werden, und die Kostenübernahme wäre Pflicht statt Empfehlung. Vor der Wahl im November wird davon nichts mehr beschlossen.

Europa ist schon mittendrin

Irland zeigt, wohin die Kurve führt. Rechenzentren verbrauchten dort 2025 laut Statistikamt CSO 23 Prozent des gemessenen Stroms, alle Haushalte zusammen 28 Prozent. Die Regulierungsbehörde CRU hat im Dezember 2025 neue Anschlussregeln erlassen: Neue Rechenzentren müssen eigene Erzeugung mitbringen und einen Großteil ihres Bedarfs aus neuen erneuerbaren Anlagen decken.

Die Niederlande verbieten seit 2024 neue Hyperscale-Rechenzentren ab 70 Megawatt und zehn Hektar, mit Ausnahme zweier Gemeinden im Norden. Amsterdam nimmt neue Anträge erst ab 2035 wieder an, weil das Netz voll ist.

Und Deutschland?

Hier fehlt bislang die offene Kostendebatte, nicht das Problem. Rund um Frankfurt bekommen neue Großprojekte Netzanschlüsse teils erst in den 2030er-Jahren. Ein Betreiber in Maintal plant deshalb ein eigenes Gaskraftwerk.

Netzentgelte machen laut Bundesnetzagentur rund 30 Prozent der Stromkosten eines Haushalts aus, insgesamt etwa 37 Milliarden Euro im Jahr. Wie diese Kosten verteilt werden, ordnet die Behörde gerade neu, die Rahmenfestlegung ist für Ende 2026 angekündigt. An Regeln für Baukostenzuschüsse, also für die Frage, was ein Großkunde beim Anschluss selbst bezahlt, will sie erst ab 2027 arbeiten.

Info
Eine Umverteilung gibt es in Deutschland schon heute. Großverbraucher mit sehr gleichmäßigem Verbrauch können ein stark reduziertes individuelles Netzentgelt beantragen (Bandlastprivileg). Die Mindereinnahmen zahlen alle anderen über den „Aufschlag für besondere Netznutzung“ mit, 2026 sind das 1,559 Cent pro Kilowattstunde. Der Aufschlag finanziert allerdings auch andere Posten, etwa Mehrkosten durch den Ausbau erneuerbarer Energien. Rechenzentren laufen rund um die Uhr mit fast flacher Last und passen damit genau ins Profil. Wie viele von ihnen das Privileg heute nutzen, ist öffentlich nicht beziffert. Für Bestandskunden bleibt es bis Ende 2031 erhalten.

Die Frage, die keiner stellt

Je mehr Rechenzentren hier gebaut werden, desto sicherer bekommen wir die amerikanische Debatte. Sie wird sich um die Frage drehen, wer zahlt. Die wichtigere Frage stellt in Washington kaum jemand: Wie viel dieser Last brauchen wir überhaupt?

Jede Kilowattstunde, die nicht nachgefragt wird, braucht keine neue Leitung, kein Umspannwerk und kein Gaskraftwerk, das jemand abbezahlen muss. Ein Teil der Last entsteht durch Dinge, die niemand bestellt hat: Crawler, die dieselben Seiten immer wieder abrufen, KI-Antworten, die automatisch über Suchergebnissen erscheinen, Modelle, die größer sind als die Aufgabe. Effizientere Chips lösen das nicht. Sie machen jede Anfrage billiger und damit noch mehr Anfragen attraktiv.

Tipp
Was Du als Websitebetreiber tun kannst: Schau in Deine Server-Logfiles, wie viel Deines Traffics von KI-Crawlern stammt und ob Du dafür irgendetwas zurückbekommst. Was Du nicht willst, kannst Du per robots.txt oder Serverregel ausschließen. Jeder vermiedene Abruf entlastet Deinen Server und am Ende auch das Netz. Wenn Du Hilfe bei der Auswertung brauchst, analysiere ich Deine Logfiles gerne mit Dir.

Quellen: AI data centers: How much are ratepayers on the hook for? – NPR · Voluntary ratepayer protection bill blocked in Senate again – Roll Call · Data centre metered electricity consumption 2025 – RTÉ/CSO · Reform der Netzentgeltsystematik Strom – Bundesnetzagentur · Aufschlag für besondere Netznutzung – Bundesnetzagentur