Jeder Stecker zählt: Was in Deiner Kabelschublade steckt

Die Schublade, die jeder hat

Mach mal kurz die Schublade auf. Du weißt schon, welche. Die mit den Ladegeräten, deren Gerät es längst nicht mehr gibt. Mit den USB-Kabeln, die beim Drucker dabei waren und nie benutzt wurden. Und mit dem dritten Netzteil für ein Handy, für das schon zwei andere bereitliegen. Fast jeder Haushalt hat so eine Schublade. Und kaum jemand weiß, was er damit anfangen soll.

Genau da setzen die Aktionswochen „Jeder Stecker zählt!“ an. Sie laufen zweimal im Jahr für jeweils zwei Wochen: im Frühjahr rund um den Global Recycling Day und im Herbst rund um den International E-Waste Day am 14. Oktober. Organisiert werden sie von der stiftung ear, der zentralen Registerstelle für Elektroaltgeräte. Das Umweltbundesamt und das Bundesumweltministerium sind als Partner dabei, dazu Kommunen, Entsorger, Verbände und Handel. Bei der Premiere 2025 haben sich laut Veranstalter mehr als 200 Städte, Gemeinden, Unternehmen und Vereine beteiligt.

Deutschland sammelt viel zu wenig

Der Anlass ist ernst. Seit 2019 gilt in der EU eine Mindestsammelquote von 65 Prozent. Gemessen wird sie an der Menge neuer Geräte, die im Schnitt der drei Vorjahre auf den Markt gekommen ist. Deutschland liegt nach den aktuellen Zahlen des Umweltbundesamts bei 29,5 Prozent. Nicht einmal die Hälfte des Ziels.

Wo der Rest bleibt, beschreibt die stiftung ear selbst: Viele Menschen bewahren alte Geräte in Schubladen und Kellern auf, kleine Geräte landen im Restmüll oder im Gelben Sack. Dort sind sie nicht nur verloren, sondern gefährlich. Lithium-Akkus können in Müllfahrzeugen und Sortieranlagen Brände auslösen.

Tipp
Kleine Elektroaltgeräte bis 25 Zentimeter Kantenlänge, also auch Netzteile und Ladegeräte, kannst Du kostenlos zurückgeben, ohne etwas Neues zu kaufen. Das geht auf dem Wertstoffhof, im Elektrohandel ab 400 Quadratmetern Verkaufsfläche für Elektrogeräte und in Supermärkten oder Discountern ab 800 Quadratmetern Gesamtfläche, wenn sie regelmäßig Elektrogeräte verkaufen. Im Handel gilt eine Grenze von drei Geräten pro Geräteart. Lose Kabel nehmen die meisten Wertstoffhöfe ebenfalls an, frag im Zweifel vor Ort. Den nächsten Abgabeort findest Du über den Rückgabefinder der Aktion.

Wer zur Rückgabe aufruft, verkauft auch

Ich finde die Aktion richtig und unterstütze sie gern. Ein Blick auf die Partnerliste lohnt sich trotzdem. Dort stehen neben Behörden und Entsorgern auch eine große Elektronikhandelskette sowie die Verbände der Digital- und der Elektroindustrie. Das ist kein Vorwurf: Handel und Hersteller sind gesetzlich in die Rücknahme eingebunden, und ihre Beteiligung bringt Reichweite.

Aber sie erklärt, welcher Satz in der Kampagne fehlt: Kauf weniger. „Richtig entsorgen“ ist die Botschaft, auf die sich alle einigen können. „Seltener neu kaufen“ ist die Botschaft, die wirklich etwas verändert. Das nachhaltigste Netzteil ist das, das nie produziert wurde.

Neue Geräte gibt es auch ohne Netzteil

Hier hilft seit Kurzem auch der Gesetzgeber. Seit dem 28. Dezember 2024 müssen neue Smartphones, Tablets, Kameras, Kopfhörer und weitere kleine Geräte, die per Kabel laden, eine USB-C-Buchse haben. Seit dem 28. April 2026 gilt das auch für Laptops. Grundlage ist die EU-Richtlinie 2022/2380 zum einheitlichen Ladegerät.

Wichtiger als der einheitliche Stecker ist ein zweiter Teil der Richtlinie: Wer ein Gerät mit Ladegerät anbietet, muss es auch ohne anbieten. Ob ein Netzteil im Karton liegt, zeigt ein Piktogramm auf der Verpackung. Wichtig ist die Nuance: Vorgeschrieben ist die Wahlmöglichkeit, nicht der Verzicht. Die Entscheidung liegt also bei Dir. Bei Smartphones legen viele Hersteller schon seit Jahren gar kein Netzteil mehr bei.

Info
Bevor Du beim nächsten Kauf die Variante mit Netzteil wählst, schau in die Schublade. Beim Laptop kommt es auf die Leistung an: Ein Handynetzteil reicht dafür meist nicht. Die Leistung in Watt steht auf dem Netzteil, der Bedarf Deines Laptops in den technischen Daten. Auch nicht jedes USB-C-Kabel überträgt hohe Ladeleistungen.

Die Reihenfolge, die zählt

Damit die Schublade gar nicht erst wieder voll wird, hilft eine einfache Reihenfolge:

  1. Nutzen, was da ist. Ein vorhandenes USB-C-Netzteil lädt heute Handy, Kopfhörer und oft auch den Laptop.
  2. Weitergeben, was funktioniert. Ein intaktes Netzteil ist kein Schrott. Familie, Nachbarschaft oder ein Repair-Café können es oft noch brauchen.
  3. Reparieren lassen, was sich lohnt. Reparatur-Initiativen helfen kostenlos weiter.
  4. Zurückgeben, was übrig bleibt. Und zwar jetzt, nicht irgendwann.

Der vierte Punkt ist der unterschätzte. Die Schublade fühlt sich nach Vorsorge an, ist aber nur ein Aufschub. Je länger ein Gerät dort liegt, desto unwahrscheinlicher wird, dass es noch jemand nutzt. Standards ändern sich, Akkus altern, und die Rohstoffe darin bleiben so lange aus dem Kreislauf.

Vor der Rückgabe von Smartphones oder Laptops gilt außerdem: Akkus entnehmen, wenn das einfach geht, und Deine Daten löschen.

Mein Vorschlag für die Aktionswochen

Nimm Dir zehn Minuten für eine Bestandsaufnahme. Zähl, was in der Schublade liegt. Behalte ein Netzteil pro Gerät, das Du wirklich nutzt. Gib weiter, was noch funktioniert, und bring den Rest zurück. Und beim nächsten Neukauf: erst überlegen, ob es wirklich ein neues Gerät sein muss, und wenn ja, dann ohne Netzteil.

Jeder Stecker zählt. Am meisten der, den Du gar nicht erst kaufst.

Quellen