Ein Terabyte für ein paar Tassen Kaffee
Eine Kaffeemaschine hat in zehn Tagen rund ein Terabyte Daten durch ein Heimnetz geschoben. Das klingt nach Satire, ist aber gut dokumentiert. Ein IT-Praktiker, der das Netz seiner Eltern betreut, entdeckte in seiner Netzwerkstatistik einen Keurig-Kaffeeautomaten, der in gut zehn Tagen über 1.000 Gigabyte gesendet hatte. Nach seiner Einschätzung blieb der Großteil davon im lokalen Netz, wahrscheinlich ein Softwarefehler, der das Netz mit Anfragen flutete. Harmlos war das trotzdem nicht: Der Zugangspunkt war ausgelastet, ohne weitere Access Points wäre das WLAN des Haushalts in die Knie gegangen. Nach einem Neustart und dem Umzug in ein abgetrenntes Netzsegment trat das Problem nicht wieder auf.
Für mich ist der Fall weniger eine Kuriosität als ein Anlass für eine Frage, die wir uns viel zu selten stellen: Warum hängt eine Kaffeemaschine überhaupt im WLAN?
Drei Arten, wie vernetzte Geräte zum Problem werden
Der Fehler
Die Kaffeemaschine ist kein Einzelfall. Schon 2024 machte eine LG-Waschmaschine Schlagzeilen, die angeblich rund 3,6 Gigabyte pro Tag übertrug. Ob die Zahl stimmte oder die Router-Statistik danebenlag, wurde nie ganz geklärt. Das Muster bleibt: Jedes vernetzte Gerät ist ein kleiner Computer mit eigener Software, eigenen Fehlern und eigenem Datenverkehr. Und niemand schaut hin, bis etwas auffällt.
Das Geschäftsmodell
Bei Fernsehern ist die Datensammlung kein Fehler, sondern Absicht. Viele Smart-TVs nutzen die automatische Inhaltserkennung (ACR). Eine Studie von Forschenden aus London, Madrid und Davis zeigt, dass ACR auch dann aktiv sein kann, wenn der Fernseher nur als Bildschirm für ein per HDMI angeschlossenes Gerät dient. Der Fernseher wird damit zum Sensor für Werbeprofile, unabhängig davon, woher das Bild kommt. In Texas hat sich Samsung 2026 gegenüber dem Generalstaatsanwalt verpflichtet, ACR-Daten nur noch mit ausdrücklicher Zustimmung zu erheben. Wer in Deutschland vor dem Fernseher sitzt, muss die Funktion in der Regel selbst im Menü abschalten.
Der Angriff
In der Nacht zum 12. Oktober 2026 zeigte sich in Frankreich, was passiert, wenn Fernzugriff bequemer ist als sicher. Angreifer setzten in Hunderten Supermärkten die Kühlregler auf Abtauen, die Temperaturen stiegen auf bis zu 50 °C. Allein bei Intermarché und Netto waren nach Angaben des Konzerns etwa 150 Filialen betroffen, die Ware musste entsorgt werden. Nach Angaben von Danfoss liefen dort unter anderem veraltete Steuerungen, die keine Sicherheitsupdates mehr erhalten. Ein Scan des Sicherheitsunternehmens SOCRadar fand allein in Frankreich fast 2.900 solcher Anlagen, die direkt aus dem Internet erreichbar waren.
Wichtig ist die Einordnung: Das waren gewerbliche Kühlanlagen, keine Kühlschränke in Privatküchen. Welche Lücke die Angreifer genau genutzt haben, ist noch offen. Die Lehre lässt sich trotzdem übertragen. Ein Gerät, das von außen erreichbar ist und keine Updates mehr bekommt, ist eine offene Tür.
Die Suffizienzfrage: Braucht das Gerät überhaupt Netz?
Die nachhaltigste Verbindung ist die, die es gar nicht gibt. Sie verursacht keinen Datenverkehr, sammelt keine Daten und bietet keine Angriffsfläche. Ich schlage deshalb eine kleine Inventur vor:
- Schau nach, wer im Netz ist. Die Heimnetz-Übersicht Deines Routers listet alle verbundenen Geräte. Oft tauchen dort Geräte auf, an die Du nicht mehr gedacht hast.
- Frag nach dem Nutzen. Kocht die Kaffeemaschine ohne App schlechter? Wäscht die Waschmaschine ohne WLAN sauberer? Wenn Du eine Funktion nie nutzt, trenn das Gerät vom Netz.
- Prüfe die Freigaben. Schalte ACR, Werbe-IDs und das Teilen von Nutzungsdaten im Gerätemenü ab. Bei Fernsehern lohnt sich ein Blick in die Datenschutz- und Support-Einstellungen.
- Prüfe die Updates. Ein Gerät, für das der Hersteller keine Sicherheitsupdates mehr liefert, gehört nicht ins Netz.
- Achte beim Kauf darauf. Lässt sich das Gerät auch ohne Cloud-Konto und ohne Internet vollständig bedienen? Das ist das bessere Gerät.
Vernetzung ist bei vielen Geräten zum Standard geworden, nicht weil wir sie brauchen, sondern weil sie für Hersteller nützlich ist: für Daten, für Abos, für Fernwartung. Ich finde, es sollte umgekehrt sein. Ein Gerät sollte erst dann ins Netz, wenn es einen guten Grund dafür gibt. Bei der Kaffeemaschine fällt mir keiner ein.
