Ein Klick, ein Urteil
Die Toolbox auf datensm.art hat ein drittes Werkzeug. Neben Green Check und KGMID Check steht jetzt der Code Check. Das Bookmarklet in Deiner Lesezeichenleiste schickt die gerade geöffnete Seite an den Nu HTML Checker des W3C. Das Ergebnis kommt sortiert nach Fehlern, Warnungen und Hinweisen, jeweils mit Zeile, Spalte und dem betroffenen Codeausschnitt.
Ganz neu ist das Werkzeug nicht. Eine einfachere Version lief bisher auf dr-beyer.de und war nur in meiner Community bekannt. Beim Umzug habe ich einen Fehler behoben, der mich selbst geärgert hat: Warnungen des W3C landeten bisher als bloße Hinweise und gingen unter. Wer das alte Bookmarklet noch gespeichert hat, landet automatisch bei der neuen Version.
Die WCAG haben valides HTML gestrichen
Jetzt die unbequeme Frage: Braucht man so etwas überhaupt noch? Die WCAG 2.2 haben das Erfolgskriterium 4.1.1 „Parsing“ gestrichen. Es verlangte vollständige Tags, korrekte Verschachtelung und eindeutige IDs. Die Begründung des W3C ist nachvollziehbar: Screenreader und andere Hilfstechnologien lesen HTML nicht mehr selbst, sie verlassen sich auf den Browser.
Gestrichen heißt aber nicht egal. Das W3C schreibt selbst, dass viele dieser Fehler weiterhin an anderen Kriterien scheitern, etwa an 1.3.1 „Info und Beziehungen“ oder 4.1.2 „Name, Rolle, Wert“. Eine doppelte ID ist das klassische Beispiel. Zeigt ein Formularlabel auf eine ID, die zweimal vorkommt, ist nicht mehr sicher, welches Feld es beschriftet. Der Validator meldet die doppelte ID. Er sagt Dir nur nicht, dass dahinter eine Barriere steckt.
Ähnlich ist es bei den Dauerbrennern aus dem WebAIM Million 2026. Auf 53,1 Prozent der eine Million meistbesuchten Startseiten fehlten Alternativtexte für Bilder, auf 13,5 Prozent die Angabe der Dokumentsprache. Beides findet der Nu HTML Checker.
Die WSG halten am validen Markup fest
Interessant finde ich, dass die Web Sustainability Guidelines genau dort weitermachen, wo die WCAG aufgehört haben. Guideline 3.6 im neuesten Entwurf vom 16. Oktober 2026 verlangt im ersten Erfolgskriterium schlicht valides, standardkonformes Markup. Dazu kommen native HTML-Elemente vor Eigenbauten und Polyfills nur dort, wo sie wirklich nötig sind.
Was das mit Nachhaltigkeit zu tun hat, zeigt wieder WebAIM. Die durchschnittliche Startseite hatte 2026 schon 1.437 Elemente, 14,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Seiten mit ARIA-Attributen hatten im Schnitt 59,1 erkannte Fehler, Seiten ohne ARIA 42. WebAIM betont, dass ARIA diese Fehler nicht zwingend verursacht, solche Seiten sind auch komplexer. Das Muster kenne ich trotzdem aus jedem Audit: Ein div, das per JavaScript und ARIA zum Button umgebaut wird, braucht mehr Code als ein echtes button und ist am Ende oft schlechter bedienbar.
Eine Zahl, wie viel Energie ein valides Dokument spart, nenne ich bewusst nicht. Belastbare Messungen dazu kenne ich keine. Mein Argument ist ein anderes: Standardkonformer Code altert besser, läuft in mehr Browsern und muss seltener neu gebaut werden. Die nachhaltigste Website ist die, die nicht alle drei Jahre von vorn entsteht.
Zwei technische Hinweise noch: Der W3C ruft die Seite selbst ab. Prüfen lassen sich deshalb nur öffentlich erreichbare Seiten, keine lokalen Entwicklungsumgebungen und nichts hinter einem Login. Gleiche Adressen speichere ich zehn Minuten zwischen, damit der Dienst des W3C nicht unnötig doppelt belastet wird.
Valides HTML ist kein Gütesiegel, sondern das Fundament, auf dem Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit erst aufbauen können.
Quellen: Understanding Success Criterion 4.1.1: Parsing (Obsolete and removed) (W3C WAI, aktualisiert 9. März 2026) Web Sustainability Guidelines, Guideline 3.6 (W3C Group Note Draft, 16. Oktober 2026) The WebAIM Million: The 2026 report on the accessibility of the top 1,000,000 home pages (WebAIM, Februar 2026) Nu HTML Checker (W3C)
