Doppelt so grün wie das Netz, zumindest auf dem Papier
Bis zum 14. Dezember 2026 sammelt die EU-Kommission Rückmeldungen zu verbindlichen Mindeststandards für neue und modernisierte Rechenzentren. Es geht um Energieeffizienz, Wasser, Abwärme und Netzdienste. Grundlage sind die Daten, die große Rechenzentren seit 2024 melden müssen. Ich habe mir den Bericht der Kommission und die 98 Seiten der zugrunde liegenden technischen Studie angesehen. Eine Zahl sticht heraus.
Die meldenden Rechenzentren kommen gewichtet auf einen Anteil erneuerbarer Energie von 87 Prozent. Die Studie stellt das selbst dem Anteil erneuerbarer Energie am gesamten EU-Stromverbrauch gegenüber: 45,3 Prozent. Rechenzentren wären demnach fast doppelt so grün wie das Netz, aus dem sie ihren Strom beziehen.
Was hinter den 87 Prozent steckt
Die Studie schlüsselt auch auf, woher dieser Ökostrom stammt. 70,4 Prozent sind Herkunftsnachweise, 29,4 Prozent grüne Stromlieferverträge. Selbst erzeugt vor Ort: 0,22 Prozent.
Die 87 Prozent beschreiben also vor allem, was eingekauft wurde, nicht was gebaut wurde. Die Autoren schreiben selbst, dass Herkunftsnachweise zunehmend in der Kritik stehen und Lieferverträge stärker zum Bau neuer Anlagen beitragen. Warum ein jährlich abgeglichenes Zertifikat wenig über den Strom zur Betriebszeit sagt, habe ich Anfang Oktober beim Thema grünes Hosting beschrieben. Neu ist, dass die EU-Daten jetzt für die ganze Branche zeigen, wie dominant dieser Weg ist.
Bei der Abwärme sieht es noch dünner aus. Nach dem Bericht der Kommission werden rund 1,8 Prozent der Wärme genutzt. Nur 67 Rechenzentren melden überhaupt eine Nutzung.
Was die Kommission daraus macht
Beim Ökostrom zieht die Kommission bisher kaum Konsequenzen. Eine eigene Vorgabe zur Klimaneutralität hält sie derzeit für unnötig. Immerhin kündigt ihr Bericht an, künftig genauer auf Herkunft, Zusätzlichkeit und zeitliche Übereinstimmung zu schauen.
Bei der Effizienz ist der Handlungsdruck klarer. Etwa die Hälfte der meldenden Rechenzentren liegt über einem PUE von 1,5 oder einem Wasserverbrauch von 0,4 Litern pro Kilowattstunde. Kleine Anlagen zwischen 500 und 1.000 Kilowatt kommen im Schnitt auf einen PUE von 1,64, die großen über 10 Megawatt auf 1,21. Beim Wasser ist es umgekehrt: Die großen verbrauchen pro Kilowattstunde mehr.
Was ich in die Konsultation schreiben werde
Erstens: Ein Mindestwert für erneuerbare Energie darf nicht allein per Zertifikatskauf erfüllbar sein. Wenn 70 Prozent über Herkunftsnachweise laufen, misst jede Schwelle vor allem das Einkaufsbudget.
Zweitens: Die Meldepflicht muss durchgesetzt werden. Standards auf Basis eines Drittels der Daten setzen die Messlatte dort, wo die Ehrgeizigen stehen. Die anderen fehlen in der Statistik.
Drittens: Abwärme gehört in die Standortentscheidung, nicht in den späteren Nachweis. Wer erst baut und dann einen Abnehmer sucht, landet bei 1,8 Prozent.
Das neue Label, das ich am 2. Oktober vorgestellt habe, wird genau auf diesen Daten aufbauen. Umso wichtiger, dass die Regeln jetzt die richtigen Fragen stellen.
87 Prozent Ökostrom klingt nach Fortschritt. 0,22 Prozent selbst erzeugt zeigt, wie viel davon auf dem Papier steht.
Quellen: Report on the energy efficiency of data centres in the EU, COM(2026) 500 (EU-Kommission, 21. September 2026) Assessment of the energy performance and sustainability of data centres in EU (EY, AIT, Borderstep im Auftrag der EU-Kommission, Juli 2025) Data centres in Europe: minimum performance standards (EU-Kommission, Konsultation bis 14. Dezember 2026) Data Centres: New Regulation on Rating Scheme and Consultation on Minimum Performance Standards (Arthur Cox)
