Glasfaser spart erst Strom, wenn das Kupfer abgeschaltet ist

Ein Netz zu viel

Glasfaser gilt als die sparsamste Art, Daten ins Haus zu bringen. Das stimmt. Aber nur unter einer Bedingung, über die erstaunlich wenig gesprochen wird: Das alte Netz muss weg. Solange Kupfer und Glas nebeneinander laufen, bezahlt das Klima für zwei Infrastrukturen.

Genau darum geht es jetzt in Brüssel. Das EU-Parlament hat am 21. Oktober einen ersten Entwurf zum Digital Networks Act vorgelegt, wie heise berichtet. Das ist noch nicht die endgültige Verhandlungsposition, aber die Richtung ist erkennbar.

Was das Parlament vorschlägt

Die Regeln zur Kupferabschaltung sollen nur dort greifen, wo sechs Monate nach Inkrafttreten noch mindestens 15 Prozent der Nutzer am Kupfer hängen. Die Mitgliedstaaten sollen dann per Gesetz Abschaltgebiete festlegen. Für Deutschland ist das keine theoretische Frage. Mitte 2024 lag die Aktivierungsquote bei Glasfaser bis ins Gebäude oder in die Wohnung je nach Siedlungstyp nur zwischen knapp einem Viertel und gut 40 Prozent der verfügbaren Anschlüsse.

National ist die Lage verfahren. Nach § 34 TKG darf allein die Telekom als Eigentümerin des Kupfernetzes die Abschaltung anstoßen, und sie verdient an diesem Netz noch verlässlich. Die Bundesnetzagentur hat im Januar ihr Konzept vorgelegt: Erst wenn 80 Prozent der Haushalte und Unternehmen mit Glasfaser bis in die Wohnung versorgt sind, soll der Migrationsprozess beginnen.

Was die Klimabilanz dazu sagt

Die beste unabhängige Rechnung dazu stammt vom Wissenschaftlichen Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK). Im Diskussionsbeitrag Nr. 547 vom Dezember 2025 hat es den Betrieb der deutschen Anschlussnetze bis 2050 modelliert. Das Ergebnis: Eine vollständige Migration auf FTTH spart so viel Strom, dass sich die Emissionen des Glasfaserausbaus bis 2040 amortisieren.

Interessanter ist der Nebensatz. Ein ausgebauter Anschluss, auf den niemand wechselt, verschlechtert die Bilanz. Der Tiefbau verursacht seine Emissionen sofort, die Einsparung kommt erst mit der Nutzung. Und das WIK hat ausschließlich den freiwilligen Wechsel modelliert, eine geregelte Abschaltung kommt in den Szenarien gar nicht vor. Daraus folgt für mich: Jedes zusätzliche Jahr Parallelbetrieb schiebt den Punkt nach hinten, an dem Glasfaser dem Klima wirklich etwas bringt.

Im Oktober habe ich aus Sicht der Nutzer argumentiert, warum sich der Wechsel auch ohne Bandbreitenhunger lohnt. Hier geht es um die andere Hälfte: Der einzelne Wechsel reicht nicht, solange der graue Kasten an der Straße für die verbliebenen Kunden weiterläuft.

Info
Ein Detail im Parlamentsentwurf verdient Aufmerksamkeit. Die Glasfaser muss nicht bis in die Wohnung reichen, der Hausanschluss genügt. Dahinter dürfen Koax- oder Ethernetkabel liegen. Energetisch ist das nicht dasselbe. Das WIK nennt die G.fast-Technik, mit der Glasfaser im Keller meist auf die alten Kupferadern im Haus umgesetzt wird, ausdrücklich energiehungrig. Ein Verbleib von FTTB- oder Kabelanschlüssen könnte laut Studie die positive Netto-Bilanz sogar gefährden. Für Ethernet im Haus liefert sie keine Zahlen.

Weniger ist hier wörtlich gemeint

Die Kupferabschaltung ist ein seltener Fall, in dem Suffizienz ein Datum bekommt. Die Einsparung entsteht nicht durch bessere Technik, sondern dadurch, dass etwas nicht mehr läuft. Deshalb ist die Frage, wer die Abschaltung auslösen darf und ab welcher Schwelle, keine Detailfrage für Juristen. Sie entscheidet, wann die Glasfaser ihr Klimaversprechen einlöst.

Eine Einschränkung gehört dazu. Das WIK betrachtet nur das Anschlussnetz. Endgeräte wie Router, Bildschirme und Smartphones verursachen nach einer früheren WIK-Studie für das europäische Regulierergremium BEREC 60 bis 80 Prozent der Emissionen des IKT-Sektors, das Anschlussnetz etwa 12 bis 24 Prozent. Die Abschaltung ist also ein wichtiger Hebel, aber nicht der größte.

Achtung
Glasfaser senkt den Strombedarf pro übertragenem Gigabyte. Genau in dieser Lage schlägt der Rebound-Effekt zu: Wird Übertragung schneller und günstiger, wächst die Nutzung. Das WIK schreibt selbst, dass der Energiebedarf langsamer wachsen muss als das Datenvolumen, egal wie sauber der Strom erzeugt wird. Mehr dazu im Artikel zum Rebound-Effekt im Netz. Für Websites heißt das: Die schnelle Leitung ist kein Freibrief für schwerere Seiten.

Was es jetzt braucht

Ein Abschaltverfahren mit klaren Kriterien und festen Fristen, das nicht vom Geschäftsinteresse des Netzeigentümers abhängt. Und eine Definition, die Glasfaser bis in die Wohnung nicht zur Kür macht. Ob der Rat der Mitgliedstaaten das mitträgt, ist offen. Die Verhandlungen haben gerade erst begonnen.

Quellen: heise online, WIK-Diskussionsbeitrag Nr. 547, Bundesnetzagentur zur Kupfer-Glas-Migration, Grant Thornton zum Konzept der Bundesnetzagentur, Rödl & Partner zu § 34 TKG