Viel Interesse, wenig Zutrauen
GitHub und das Klimakommunikationsprogramm der Yale University haben im Sommer 1.039 GitHub-Nutzer zu Klima, KI und nachhaltiger Software befragt. Eine Zahl daraus lässt mich nicht los. 80 Prozent interessieren sich für Werkzeuge, mit denen sie energieeffizienteren Code schreiben können. 78 Prozent wollen Best Practices lernen, 74 Prozent die Umweltwirkung ihrer Software messen. Aber nur 10 Prozent glauben, dass die Art, wie sie Software entwickeln, einen großen Effekt hat. 63 Prozent halten ihn für klein.
Das passt zu einer zweiten Zahl. Rund 70 Prozent finden, dass Regierungen, Cloud-Anbieter und Arbeitgeber mehr tun sollten. Von den einzelnen Entwicklern verlangen das nur 36 Prozent. Die Verantwortung wandert nach oben, die eigene Tastatur bleibt außen vor.
Die Frage ist schief gestellt
Bevor ich daraus eine Schlagzeile mache, lohnt ein Blick auf den Fragebogen. Gefragt wurde, wie stark verschiedene Handlungen den eigenen, persönlichen Umwelt-Fußabdruck senken. Zur Auswahl standen Ernährung und Mobilität, Wählen, Engagement, Open-Source-Beiträge und eben das Programmieren.
Damit landet Code in derselben Schublade wie Mülltrennung. Das ist der Denkfehler. Software wirkt nicht über meinen persönlichen Fußabdruck, sondern über jeden Aufruf, jeden Server und jedes Gerät, auf dem sie läuft. Eine unnötige Bibliothek kostet auf meinem Rechner fast nichts. Bei Millionen Seitenaufrufen ist sie eine Last. Ein Teil der 63 Prozent dürfte also schlicht aus der Fragestellung kommen. Trotzdem bleibt die Lücke real: Die Leute wollen Werkzeuge, sehen sich aber nicht als Hebel.
Wer hier gefragt hat
Die Studie trägt das Yale-Logo, ist aber kein reines Uni-Projekt. Den Fragebogen haben zwei GitHub-Mitarbeiter gemeinsam mit dem Yale-Team entworfen, programmiert hat ihn GitHub. Mitautor ist Paull Young, bei GitHub für Nachhaltigkeit zuständig. Bezahlt hat der GitHub for Good Fund.
Das macht die Zahlen nicht falsch. Aber es lohnt sich, auf die Verwertung zu schauen. GitHub stellt die Ergebnisse im eigenen Blog vor und empfiehlt am Ende einen KI-Agenten, der Repositories täglich nach Effizienzpotenzial durchsucht. Gegen verschwendete Rechenleistung also ein zusätzlicher, täglicher KI-Lauf. GitHub weist immerhin selbst darauf hin, vorher die Rechenkosten zu prüfen. Die Suffizienzfrage, ob dieser Lauf überhaupt nötig ist, stellt dort niemand.
Wer geantwortet hat
Ein Blick in den Anhang zeigt, wie speziell diese Gruppe ist. 74 Prozent der Befragten sind Männer, 13 Prozent Frauen. 71 Prozent haben mindestens einen Bachelor-Abschluss. Politisch ordnen sich 30 Prozent den Demokraten zu und 10 Prozent den Republikanern. Beim Klimathema ist das in den USA ein gewichtiger Unterschied.
Dazu kommen kleine Unstimmigkeiten. Laut Bericht wurden nur Erwachsene befragt, in der Demografie tauchen trotzdem 14 Personen unter 18 auf. Und obwohl nur US-Nutzer eingeladen waren, geben 7 Prozent ein anderes Land an. Was genau abgefragt wurde, erklärt der Bericht nicht. Die mittlere Bearbeitungszeit lag bei vier Minuten, unter allen Teilnehmern wurden vier Gutscheine über je 100 Dollar verlost.
Besonders vorsichtig wäre ich mit dem Vergleich zur US-Bevölkerung. 86 Prozent der GitHub-Befragten sagen, dass der Klimawandel stattfindet, in Yales repräsentativer Bevölkerungsumfrage sind es 68 Prozent. Das klingt nach einem klaren Befund. Yale selbst warnt aber, dass hier eine ungewichtete Freiwilligen-Stichprobe neben einer gewichteten Zufallsstichprobe steht. Der Unterschied mischt also echte Unterschiede mit Unterschieden im Verfahren.
Was trotzdem bleibt
Zwei Befunde finde ich trotz allem aufschlussreich. 84 Prozent der Befragten befürworten Solarparks in ihrer Region, 58 Prozent lehnen ein Rechenzentrum vor der eigenen Haustür ab. Die Menschen, die Rechenzentren täglich auslasten, wollen sie nicht in der Nachbarschaft haben.
Und die offenen Antworten sind konkreter als jede Prozentzahl. Da geht es um doppelte oder überflüssige CI-Läufe, um Tests, die bei einer reinen Doku-Änderung trotzdem laufen, um kleine lokale KI-Modelle statt Frontier-Modellen. Ein Befragter hält das Ganze für Kleinkram angesichts der großen Emissionsquellen. Auch das gehört zur Wahrheit.
Auffällig ist, was fast alle Wünsche gemeinsam haben: Sie zielen auf Effizienz. Gemessen, optimiert, automatisiert. Die Frage, ob eine Funktion, ein Build oder ein KI-Aufruf überhaupt gebraucht wird, kommt kaum vor. Dabei ist genau das der größte Hebel, den Entwickler haben, und zwar ohne neues Werkzeug.
Die Umfrage zeigt Entwickler, die etwas tun wollen und es sich nicht zutrauen. Das Werkzeug, das ihnen am meisten fehlt, ist keines: Es ist die Erlaubnis, Nein zu sagen.
Quellen: Yale Program on Climate Change Communication: Software Developers on Climate Change, AI, and Sustainable Software (Bericht) · Vollständiger Bericht als PDF mit Methodik und Demografie · GitHub Blog: Developers want more efficient software
