Ein Versprechen mit PR-Agentur
Vier große US-Rechenzentrumsentwickler wollen offener werden. QTS (gehört zu Blackstone), Vantage Data Centers, Compass Datacenters und Digital Realty haben am 30. Oktober angekündigt, den Kommunen vor Ort Strombedarf, Wasserverbrauch und Eigentümerstruktur ihrer Projekte offenzulegen. Sie wollen auf Verdunstungskühlung verzichten, den Netzausbau für ihre Standorte selbst bezahlen und von Behörden keine Verschwiegenheitsvereinbarungen verlangen. Gemeinsam treten sie als Gründungsmitglieder der neuen Branchengruppe „Infrastructure for America“ auf.
Das klingt nach Fortschritt. Zwei Details relativieren es. Die Unternehmen räumen selbst ein, dass die Zusagen nicht bindend sind. Und beraten wird die Gruppe von FTI Consulting, zu deren früheren Kunden ExxonMobil und Chevron gehören. Parallel hat sie eine Wählerumfrage in Auftrag gegeben und plant Werbung, die Rechenzentren als Jobmotor darstellt. Für mich ist das keine Transparenzoffensive, sondern eine Akzeptanzkampagne.
Warum die Branche jetzt nervös wird
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Nach Zahlen von Data Center Watch haben Proteste vor Ort allein im zweiten Quartal mindestens 45 US-Projekte gestoppt oder verzögert. Und die Klimabilanz des Ausbaus wird greifbarer.
Eine interne Analyse des Sierra Club, über die Bloomberg am 28. Oktober berichtet hat, kommt zu einem drastischen Ergebnis. Werden alle geplanten KI-Rechenzentren samt ihrer Kraftwerke wie vorgesehen gebaut, stößt der US-Stromsektor 2030 rund 2,1 Milliarden Tonnen CO₂ aus. Das wären 618 Millionen Tonnen oder etwa 42 Prozent mehr als 2025. Die Emissionsminderung von 15 Jahren wäre damit aufgezehrt. Den größten Anteil haben Gaskraftwerke, die direkt neben den Rechenzentren entstehen, ohne Anschluss ans öffentliche Netz. Allein sie könnten 2030 mehr als 460 Millionen Tonnen CO₂ ausstoßen, ungefähr so viel wie Mexiko in einem Jahr.
Deutschland hat längst, was die USA versprechen
Für uns ist an der US-Meldung etwas anderes interessant. Was die Branche dort freiwillig anbietet, ist in Deutschland seit 2023 Gesetz. Nach § 13 Energieeffizienzgesetz müssen Rechenzentren ab 300 Kilowatt Anschlussleistung unter anderem Energieverbrauch, Effizienz, Ökostromanteil und Wasserverbrauch melden und Kennzahlen veröffentlichen. Seit dem 14. August gibt es dazu ein öffentliches Rechenzentrumsregister.
Die ersten Daten zeigen, was eine Pflicht ohne Durchsetzung wert ist. Mit Namen veröffentlicht sind nur 319 Rechenzentren, bei geschätzt rund 1.000 meldepflichtigen. Laut Umweltbundesamt fehlen vor allem große internationale Betreiber ganz oder teilweise. Bei zwei stichprobenartig geprüften Unternehmen fand das UBA die Pflichtangaben auch nicht auf deren Websites. Wenn schon eine gesetzliche Pflicht so lückenhaft befolgt wird: Was ist dann eine Zusage wert, die ausdrücklich niemanden bindet?
Die Daten, die vorliegen, sind trotzdem aufschlussreich. Die gemeldeten Rechenzentren nutzen im Schnitt nur rund 35 Prozent ihrer elektrischen Anschlussleistung. Das UBA fragt deshalb selbst, wie sich der behauptete Bedarf an Neubauten zu den vorhandenen Kapazitäten verhält. Das ist die Suffizienzfrage, gestellt von einer Bundesbehörde.
Und Berlin lockert
Statt die Meldepflicht durchzusetzen, schwächt die Bundesregierung das Gesetz ab. Die Novelle des Energieeffizienzgesetzes, die das Kabinett am 24. Juni beschlossen hat, lockert die Effizienzvorgaben für bestehende Rechenzentren und die Pflicht zur Abwärmenutzung. Schon der Entwurf aus dem Frühjahr sah vor, dass Betreiber Verbrauchswerte nicht mehr veröffentlichen müssen, wenn sie diese zum Betriebs- oder Geschäftsgeheimnis erklären. Ein Kurzgutachten im Auftrag von AlgorithmWatch und Umweltinstitut München hält das für rechtlich nicht haltbar. Der Bundestag soll die Novelle voraussichtlich im November beschließen.
Gleichzeitig will die Regierung den Ausbau beschleunigen. Nach ihrer Rechenzentrumsstrategie soll die IT-Leistung in Deutschland bis 2030 von rund zwei auf mehr als vier Gigawatt steigen. Mehr Kapazität, weniger Einblick: Das ist genau die Kombination, die in den USA den Widerstand befeuert hat.
Der Widerstand ist auch hier angekommen
Und er hat dieselben Gründe. In Maintal bei Frankfurt wollte der US-Investor Edgeconnex ein Rechenzentrum bauen, versorgt von einem eigens geplanten Gaskraftwerk. Nach Protesten von Anwohnern, denen sich fast alle Fraktionen im Stadtparlament anschlossen, liegt das Projekt seit dem Sommer auf Eis. Im osthessischen Birstein kämpft eine Bürgerinitiative ebenfalls gegen ein Gaskraftwerk für ein geplantes Rechenzentrum. Am 6. und 7. November laufen europaweit die Aktionstage „Stop Dirty Data Centers“, in Berlin treffen sich dazu am 7. November Initiativen aus ganz Deutschland.
Die US-Branche entdeckt Transparenz in dem Moment, in dem ihr die Projekte wegbrechen. Deutschland hat sie schon und lässt sie verkümmern. Offenheit, die man jederzeit zurücknehmen kann, schafft kein Vertrauen. Sie verschiebt nur den Moment, in dem es kippt.
Quellen: Major data center developers promise more transparency on power, water and ownership (Briefs Finance, 30. Oktober 2026) US data center buildout risks erasing climate progress (Bloomberg, Nachdruck in BusinessMirror, 28. Oktober 2026) KI-Boom: Wie die Bundesregierung die Regulierung von Rechenzentren aushöhlt (netzpolitik.org, 23. Oktober 2026)
